Rathenow

Sankt-Marien-Andreas-Kirche neu aufgebaut

Die Sankt-Marien-Andreas-Kirche ist das Wahrzeichen von Rathenow. 1945 bei den letzten Kampfhandlungen des Zweiten Weltkriegs war sie in Brand geraten und zum großen Teil zerstört worden. Der 1996 gegründete Förderkreis zum Wiederaufbau hat bislang 1,1 Millionen Euro an Spenden gesammelt. Turm, Dach und Gewölbe der Kirche sind schon wieder hergestellt worden.

Spektakuläre Hubschrauberflüge. Im September 2001 bekommt die Kirche wieder eine Spitze.
Quelle: Bernd Geske
 
Der Förderkreisvorsitzende Heinz-Walter Knackmuß vor der Sankt-Marien-Andreas-Kirche, kostümiert als Bischof Bodecker.
Quelle: Bernd Geske
 
Die Sankt-Marien-Andreas-Kirche 1990. Ohne Turm und im Chorraum wachsen Bäume.
Quelle: Heinz-Walter Knackmuss
 
Der Marien-Altar aus dem Jahr 1390.
Quelle: Heinz-Walter Knackmuss
 
Die neu eingebauten Kreuzgewölbe.
Quelle: Bernd Geske

Rathenow. Man musste kein Christ sein, um zu erkennen, dass die Sankt-Marien-Andreas-Kirche in Rathenow ein Bild des Jammers bot. Im April 1945 bei letzten Kampfhandlungen des Zweiten Weltkriegs durch Beschuss in Brand geraten und in den Jahren danach nur wenig repariert, war sie zu DDR-Zeiten immer mehr verfallen. Vom Turm war nur noch der Stumpf übrig geblieben, aus dem Chorraum wuchsen Bäume und statt der Gewölbe schlossen innen graue „Sauerkrautplatten“ das Kirchenschiff nach oben ab.

Kein Vergleich mehr mit dem Anblick von heute. Die Sankt-Marien-Andreas-Kirche ist wieder ein eindrucksvolles Gotteshaus. 1996 hatte sich der Förderkreis zum Wiederaufbau der Kirche gegründet, dessen erster Vorsitzender Heinz-Walter Knackmuß war und es auch immer noch ist. 47 Mitglieder habe der Verein bei seiner Gründung gehabt, blickt der Vorsitzende zurück. Mittlerweile sei die Mitgliederzahl auf 254 gewachsen. In all den Jahren hat der Förderkreis bislang Spenden in Höhe von rund 1,1Millionen Euro für den Wiederaufbau gesammelt. Sie wurden verwendet als Eigenanteile der Kirchengemeinde, die erforderlich waren, um die unabdingbaren Fördermittel der öffentlichen Hand in Anspruch nehmen zu können.

Schritt für Schritt konnte in einzelnen Bauabschnitten die Kirche wieder hergestellt werden. Es begann mit dem Chorraum in den Jahren 1993 bis 1995, der auch neue Fenster bekam. Der Wiederaufbau des Turmes lief in den Jahren 1999 bis 2001, der mit spektakulären Hubschrauberflügen seinen Abschluss fand, als die Spitze in drei einzelnen Teilen aufgesetzt wurde. Die Neueindeckung des Daches vom Kirchenschiff konnte von 2009 bis 2010 realisiert werden, gleichzeitig wurden neue Gewölbe in das Kirchenschiff eingebaut. Die Fassade des Kirchenschiffs wurde 2011 saniert, es wurden auch neue Fenster eingesetzt. Die Marienkapelle bekam wieder ein Gewölbe. Gegenwärtig sammelt der Förderkreis vorrangig Spenden, um wieder Gewölbe in den Chorraum einbauen lassen zu können. Es wird mit einer Bausumme von 1,4 Millionen Euro gerechnet.

„Die Sankt-Marien-Andreas-Kirche ist das Wahrzeichen Rathenows“, sagt Heinz-Walter Knackmuß, „sie ist das Zentrum des Glaubens.“ Viele Veranstaltungen der Kirchengemeinde seien ohne diese Kirche gar nicht denkbar, findet Pfarrer Andreas Buchholz. „Zu unserem Adventsmarkt im letzten Dezember sind so viele Besucher gekommen“, berichtet er, „weil er auf dem Kirchberg um die Sankt-Marien-Andreas-Kirche herum stattfand.“ So würden viele Menschen erreicht, die sonst nicht zur Kirche kommen würden. Sie seien vom Adventsmarkt in das Gotteshaus hinein gegangen und hätten sich interessiert umgesehen. „Es war deutlich zu spüren“, sagt Andreas Buchholz, „dass sich die Menschen von der Kirche angezogen fühlen.“ Mit der Kirchbergbrücke und der Weinbergbrücke gebe es zudem kurze Wege durch die Umgebung, die von vielen Besuchern gegangen würden.

Der Wiederaufbau der Sankt-Marien-Andreas-Kirche trat vor etwa einem Jahr in eine neue Phase. Die Kirchengemeinde hatte eine Innenraumkonzeption fertig gestellt, die immerhin 25000 Euro gekostet hat. Die Konzeption hatte der Denkmalschutzschutz verlangt als Voraussetzung für alle Sanierungs- oder Wiederaufbauarbeiten, die noch folgen sollten. Kein Geringerer als Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) hat das Vorwort dazu beigesteuert.

Die wesentliche Aussage der Innenraumkonzeption sei, erklärt Pfarrer Andreas Buchholz, dass der ganze Innenraum der Kirche wieder zu einem einheitlichen Haus zusammen geführt werden solle. Der Chorraum solle eingebunden werden. Dessen Fußboden, der gegenwärtig 65 Zentimeter tiefer liegt als das Kirchenschiff, soll entsprechend angehoben werden. Dann soll der Altar, der gegenwärtig noch im Hauptschiff steht, wieder in den Chorraum versetzt werden. Zuvor sollen in den Chorraum, wie es früher einmal war, wieder sechs Säulen und darauf drei Kreuzgewölbe eingebaut werden.

Die Emporen, die es früher einmal gab, sollen laut Innenraumkonzeption nur zu einem Teil wieder eingebaut werden. Vor dem Brand der Kirche 1945 reichten sie bis in den Chorraum hinein. Künftig sollen sie nur noch an den Seiten des Kirchenschiffs wieder errichtet werden. Zu den rund 500 Sitzplätzen, die die Kirche gegenwärtig bietet, würden durch die Emporen weitere 250 Sitzplätze neu hinzu kommen. Dadurch würde das Gotteshaus zum größten Veranstaltungsort der Umgebung werden. Die Innenraumkonzeption kommt zum Ergebnis, dass alle derzeit geplanten weiteren Arbeiten in der Kirche rund 4,5 Millionen Euro kosten würden.

Noch eine andere wichtige Veränderung steht der Kirche bevor. Die Kommunale Wohnungsbaugesellschaft Rathenow (KWR) hat den Plan, das bislang noch freie Grundstück vor dem Chorraum neu zu bebauen. Als ein Bestandteil soll ein neues Gemeindezentrum errichtet werden, das sich in unmittelbarer Nähe zur Kirche befinden würde. Bislang ist an eine Nutzfläche von insgesamt 250 Quadreatmetern gedacht. Die KWR hat mitgeteilt, dass der Bauantrag dafür wahrscheinlich gegen Ende des Jahres gestellt werden kann. In diesen Tagen finden auch noch Abstimmungen über das Projekt zwischen KWR und Kirchengemeinde statt. Am Sonntag will Pfarrer Andreas Buchholz den jetzigen Planungsstand auf einer Gemeindeversammlung vorstellen. Dann sollen die Meinungen darüber ausgetauscht werden.

Ein „Mangel“ der Sankt-Marien-Andreas-Kirche – wenn man es denn so nennen darf – ist, dass sie in der kalten Jahreszeit nicht beheizt werden kann. Deshalb können dort im Winter kaum Veranstaltungen stattfinden. So gibt es den Gedanken, im Zusammenhang mit dem Bau des Gemeindezentrums auch für eine Heizmöglichkeit zu sorgen. Der Förderkreisvorsitzende Heinz-Walter Knackmuß bezeichnet das als „Jahrhundert-Chance“. Ein Gemeindezentrum, barrierefrei und mit modernem Sanitärsystem, würde die Nutzungsmöglichkeiten für die Kirche erheblich verbessern.



Der Kirchenschatz – der spätromanische Abendmahlskelch

Der spätromanische Abendmahlskelch ist das älteste Ausstattungsstück der Sankt-Marien-Andreas-Kirche.
Er besteht aus vergoldetem Silber, ist rund 20 Zentimeter hoch und stammt wahrscheinlich aus Niedersachsen.
Seine Herstellung wird auf das Jahr 1260 oder 1280 datiert. Zum Abendmahlskelch dazu gehört ein Brotteller, auch Patene genannt. Der Wert beider Stücke wird immer nur als „unbezahlbar“ beschrieben.
Die meiste Zeit des Jahres wird er im Tresor eines örtlichen Geldinstituts aufbewahrt und nur zu Höhepunkten im Gemeindeleben geholt.
50000 Goldmark soll im Jahre 1914 ein Kunsthändler für den Kelch geboten haben. Bei Stimmengleichheit im Gemeinderat gab das ablehnende Votum von Superintendent Georg Karl Heimerdinger den Ausschlag, den Kelch nicht zu verkaufen.

Von Bernd Geske

Märkische Allgemeine vom 23. Januar 2018

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