Potsdam

Diese Kirche trotzt allen Widerständen

Kaum ein Bau wurde so oft aufgegeben wie die Alte Neuendorfer Kirche. Heute ist sie schöner als je zuvor.

Sie halfen mit: Eberhard Theurer, Sylvia Wagner, Sabine Ambrosius, Franziska Hille und Kurt Schwetasch (v.l.) vor der Alten Neuendorfer Kirche.
Foto: Bernd Gartenschläger
 
Der Neuendorfer Anger mit beiden Kirchen in einer zeitgenössischen Aufnahme.
Quelle: Roland Schulze

Babelsberg Die Geschichte der Alten Neuendorfer Kirche ist dramatisch. 1853 als Ersatz für eine baufällig gewordenes Gotteshaus errichtet, wurde sie für die mit der Industrialisierung rasch wachsende Kirchengemeinde schnell zu klein. 1898 errichtete man an Stelle der einstigen Fachwerkkirche einen viel größeren neugotischen Backsteinbau. Die nach einer Skizze von Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. (1795-1861) errichtete Alte Neuendorfer Kirche wurde als Lagerhaus genutzt und verfiel.

Im Juni 1941 wurde die neugotische Bethlehemkirche von Fliegerbomben getroffen, schwer beschädigt und 1952 schließlich als erster Kirchenbau im sozialistischen Potsdam gesprengt und abgetragen. Zwei Frauen sollten die Alte Neuendorfer Kirche vor einem ähnlichen Schicksal bewahren.

Grünplanerin Hiltrud Bernd sollte Ende der 1970er Jahre einen vierspurigen Autobahnzubringer „mit Bäumen verschönern“, wie sie sagt, der quer durch den Anger und über die Kirchengrundstücke hinweg zur Nuthe-Schnellstraße führen sollte. Sie intervenierte erfolgreich und verhinderte so den bereits geschlossenen Abriss des entweihten Gotteshauses. 1979 stürzte das Dachgewölbe ein.

Gisela Opitz (1931-2005), Theologin, nach der Wende Stadtverordnete und Witwe des letzten Pfarrers der Bethlehemkirche, gründete 1999 den Fördererein Alte Neuendorfer Kirche und Neuendorfer Anger zunächst mit dem Ziel, die Reste der Alten Neuendorfer Kirche zu sichern. Eigentlich sollten zunächst die Reste der Dachkonstruktion mit dem legendären Sternenhimmel aus dem meterhohen Schutt geborgen werden, erinnert sich Roland Schulze, Inhaber der gleichnamigen Firma für Baudenkmalpflege und von Anfang an dabei.

Baustellenkonzert zum Sanierungsbeginn.
Quelle: Roland Schulze
 
2002 wurde der neue Dachstuhl aufgesetzt.
Quelle: Roland Schulze

Dann aber habe es der Zufall gewollt, dass immer gerade die Fachleute vor Ort waren, die für den nächsten Schritt zur Rekonstruktion des Bauwerks benötigt wurden. Statiker, Zimmerer, Maurer. Beflügelt wurde der Wiederaufbau durch einen Beitrag der MAZ, so Schulze, nach dem nur die besten Handwerker auf diese Baustelle durften: „Danach hat niemand mehr nein gesagt, wenn wir ihn fragten.“

Gern erzählt er die Geschichte von der Rekonstruktion des Gewölbehimmels, für das sie auf eine fast vergessene Konstruktion des innovativen Berliner Maurermeisters Carl Rabitz (1823-1891) zurück griffen. Als Ersatz für ein kaum zu bewältigendes steinernes Gewölbe spannten sie ein Dach aus Draht, das mit Putz ausgefüllt wurde. Aus Hamburg sei die Anfrage gekommen, ob er dieselbe leichte Konstruktion für Elbphilharmonie anfertigen könne. Doch er habe abgesagt, so Schulze: „Das wäre ja hundertmal so groß gewesen.“

Finanziert wurde das Benefizprojekt unter anderem über den Verkauf der Sterne für den Gewölbehimmel. Noch immer kämen Anfragen von potenziellen Spendern, sagt Schulze, aber der Himmel sei längst komplett. Zehn Jahre wollten sie bauen, nach sieben Jahren waren sie fertig. „Es war meine liebste Baustelle“, sagt Sabine Ambrosius, aber irgendwann war sie leider vorbei.“

Die erste Christvesper mit Gisela Opitz war 2004 noch auf einer Baustelle. Seit 2000 ist die Alte Neuendorfer Kirche Denkmal, am 8. September 2007 wurde sie als „kleines Wunder von Babelsberg“ feierlich übergeben. Seit der Neueröffnung ist die ehemalige Kirche Außenstelle des Standesamtes. Pro Jahr werden mehr als 100 Ehen getraut, sagt Franziska Hille, die seit zwei Jahren als hauptamtliche Projektleiterin für die kulturelle Bespielung der Kirche zuständig ist.

Die Karawane der freiwilligen Helfer des ersten Wiederaufbaus einer Potsdamer Kirche nach dem Mauerfall ist längst weitergezogen. Mehr als 85 Firmen halfen unentgeltlich, sagt Schulze. Viele von ihnen tauchten am Winzerberg wieder auf. Doch auch auf dem Anger gibt es weitere Benefizprojekte.

An die Bethlehemkirche erinnert bereits seit zwei Jahrzehnten der mit Ziegeln nachgezeichnete Grundriss mitten auf dem Anger. Die drei Glocken konnten geborgen werden. Der Verein sammelt Spenden für die Errichtung eines kleinen Glockenturms, an dem sie wieder zum Klingen gebracht werden sollen.



Kulturerben zeigen ihre Stadt

Im Europäischen Kulturerbejahr 2018 koordiniert die Untere Denkmalschutzbehörde eine umfangreiche Veranstaltungsreihe unter dem Motto „Europa in Potsdam – Kulturerben zeigen ihre Stadt“. Zahlreiche Potsdamer Vereine für Baukultur beleben die vielen denkmalgeschützten Orte in der Stadt mit ihren Veranstaltungen.
„Die Stadt verdankt diesen Vereinen und Engagierten in der Denkmalpflege unendlich viel. Wir freuen uns über die gute Zusammenarbeit und möchten die Vereine und Initiativen deshalb im Vorfeld des Tags des offenen Denkmals präsentieren“, sagt Sabine Ambrosius von der Unteren Denkmalschutzbehörde.
Der diesjährige Tag des offenen Denkmals am 9. September wird einer der Höhepunkt des Jahresprogramms im Europäischen Kulturerbejahr sein. Zahlreiche Denkmale in Potsdam werden ihre Türen öffnen und die Mitglieder der Vereine zu Gesprächen bereitstehen.
Eine Station ist die Alte Neuendorfer Kirche auf dem Neuendorfer Anger, die am 7. April 2000 ein rechtskräftiges Denkmal und am 8. September 2007 als „kleines Wunder von Babelsberg“ feierlich übergeben wurde.


Von Volker Oelschläger

Märkische Allgemeine vom 06. August 2018

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