Baukultur in Potsdam

Keine Liebe auf den ersten Blick

Die Kirche von Bornim ist ein stolzes Bauwerk, doch beinahe wäre ihr Stolz gebrochen worden. Der Turm drohte abzustürzen; das Dach war löchrig; die Spenden der Bürger reichten nicht.

Die Kirche von Bornim ist die größte im Potsdamer Norden, aber auch ein großer Sanierungsfall.
Quelle: Rainer Schüler

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Bornim „Liebe auf den ersten Blick war das hier nicht“, gesteht Brigitte Neumann. Aber inzwischen ist sie verknallt in diese Kirche, die ihren nadelspitzen Turm so stolz in den Himmel über Bornim piekst und doch beinahe ein Bild des Jammers geworden wäre. Denn ihr Glockenturm wäre mal fast abgefallen und das Dach ein Sieb geworden. Doch der Kirchbauverein von Bornim schaffte das schier Unmögliche, stabilisierte und sicherte den Turm für eine halbe Million Euro privater Spenden und Zuwendungen des Kirchenkreises. Verfault waren die Turmhaubenbalken, so schlimm, dass nur noch Spanngurte ihn zusammen hielten.

Erst der Turm, dann das Dach

Und kaum hatte man die Katastrophe abgewendet, fielen die Nässeschäden des Daches ins Auge, die längst durchgeschlagen waren bis in den Sockel der Kirche. Noch so einen Humpen würde die Gemeinde nicht mehr tragen können; da kam Max Klaar. Der rechtskonservative Ex-Bundeswehroberst aus Iserlohn hatte die Nase voll von der Versöhnungsidee des Potsdamer Garnisonkirchenvereins, für den er ein paar Millionen Euro gesammelt hatte. Das Geld gab er nun anderen Kirchen; Bornim bekam 700000; fast eine Million hat das Dach gekostet.

„Wir hatten Klaar schon das dritte Mal angefragt, jedes Mal für etwas anderes“, erzählt der frühere Pfarrer und damalige Vorsitzende des Kirchbauvereins, Oswald Schönherr: „Beim dritten Mal kam keine Reaktion, kein Schreiben, kein Anruf. Plötzlich waren 700000 Euro auf dem Baukonto. Es war wie ein Geschenk des Himmels, und wir mussten keine Gegenleistung bringen.“

Es ist noch sehr sehr viel zu tun

Aus dem Schneider ist man damit aber nicht. Zwar ist inzwischen auch die tiefblaue Fenster-Rosette über dem Eingang wiederhergestellt, aber im Altarraum läuft noch die Restaurierung der schwer nässegeschädigten Wandbemalung. Auch neue Elektroleitungen für die Beleuchtung müssen noch im Mauerwerk verlegt werden, unsichtbar.

Was der Verein in den vergangenen Jahren geschafft hat, präsentiert er zum Tag des offenen Denkmals am 9. September. Dann hat die Kirche ab 14 Uhr geöffnet. Führungen finden nach Bedarf statt. Um 17 Uhr lädt die Gemeinde zum Konzert der Gruppe „Klezmer tov“ ein.

Probleme mit den Öffnungszeiten

Das mit den Öffnungszeiten ist so ein Problem. „Die Kirche ist eine schöne Pracht, aber wenig besucht“, räumt Pfarrerin Anke Spinola ein. „Aber diese Gebäude werden zu Kulturkirchen“, offen für verschiedenste Veranstaltungen.“ Es entwickele sich ein „Kultur-Christentum“, das sich für die Kultur des Christentums interessiert, aber selber nicht zum Christentum gehört. „In dieser Kirche ist viel möglich, Konzerte etwa. Da kann man mitmachen, ohne Kirchenmitglied zu sein.“ Die zu Weihnachten stets volle Kirche zeige das deutlich. Damit auch außer dieser Zeit Gäste kommen, will man jetzt die Sonntagsöffnung erweitern. Die Gemeinde sei mit etwa 500 Mitgliedern zwar klein, habe im Norden aber „viel Strahlkraft“, so Spinola.

Im Europäischen Kulturerbejahr 2018 koordiniert die städtische Denkmalschutzbehörde die Veranstaltungsreihe „Europa in Potsdam – Kulturerben zeigen ihre Stadt“. Zahlreiche Vereine beleben denkmalgeschützte Orte in der Stadt. Der diesjährige Tag des offenen Denkmals am 9.September wird einer der Höhepunkt des Jahresprogramms im Europäischen Kulturerbejahr. Zahlreiche Denkmale werden ihre Türen öffnen und die Mitglieder der Vereine zu Gesprächen bereitstehen – so auch die Mitglieder des Kirchbauvereins Bornim e.V..

Erste Kirche schon im 13. Jahrhundert

Erstmals erwähnt wurde eine Kirche in Bornim, 1289. Um 1500 kam es zu einem Neubau, der Ende des 19. Jahrhunderts als zu klein und zu armselig befunden wurde, so dass am 15. August 1898 beschlossen wurde, eine neue Kirche unter dem Protektorat der Kaiserin Auguste Victoria zu errichten.

Nach ersten Entwürfen des Regierungsrats und Baurats Ludwig von Tiedemann übernahm Regierungsbaumeister Arthur Kickton die Arbeiten. Auf ihn gehen auch die Entwürfe und Details für die Innenausstattung zurück. Eingeweiht wurde die Kirche am 11. Juni 1903 in Anwesenheit des Kaiserpaares.

Kirche noch im Originalzustand

Die Gestalt der Kirche ist bis heute fast unverändert. Das Gebäude ist ein Saalbau mit einem sehr breiten Hauptschiff, einer Holztonnendecke und einem asymmetrisch angefügten, kurzen schmalen Seitenschiff mit Empore. Quer vorgelagert ist eine breite Eingangshalle. Das Mauerwerk besteht aus roten Ziegeln und wird durch Putzblenden belebt. Der Altarraum wird vom Sakristeianbau links und dem 55 Meter hohen Turm rechts flankiert.

Zu den Besonderheiten gehört die Orgel, die ein Geschenk Kaiser Wilhelms II. war, der mit der Ausführung den königlich preußischen Hoforgelbaumeister Wilhelm Sauer beauftragte. Die pneumatische Orgel wies zwei Manuale, ein Pedal und 13 Register auf. Bereits 1917 wurden zwei wichtige Register teilweise entfernt. Die Prospektpfeifen aus Zinn mussten für die Rüstungsindustrie gegen Zinkpfeifen ausgetauscht werden. Durch Wasserschäden und starke Verschmutzung war die Orgel kaum noch spielbar.

Doch im Jahr 2010, ein Jahr nach Unterschutzstellung der Kirche, verhalf ihr die Potsdamer Firma Schuke wieder zur ursprünglichen, spätromantischen Klangfarbe.

Aufwändige Sanierungsarbeiten laufen noch

Weitere Restaurierungsarbeiten folgten zwei Jahre später. Ab 2016 wurde die Außenhaut der Kirche saniert, beginnend mit dem undichten Dach, Arbeiten am Fundament bis zur Restaurierung der Türen. Die Fenster waren fast komplett dem zweiten Weltkrieg zum Opfer gefallen. Nur ein einziges, die Rosette über der Orgel, hat noch Originalteile.

Die Restaurierung der Wandmalerei im Altarraum soll 2019 beendet sein. Im Außenbereich wurden Bäume gefällt und im Herbst 2017 neue gepflanzt. Die Anlage der Wege und der Beleuchtung sind Ziele für die kommenden Jahre. Viele Gemeindemitglieder sorgen für ein lebendiges Kirchenleben. So gibt es neben dem 2008 gegründeten Kirchbauverein auch einen Chor. Nur durch ehrenamtliche Helfer sind Konzerte und Feste möglich.

Das Programm der Reihe „Europa in Potsdam – Kulturerben zeigen ihre Stadt“ gibt es online unter www.potsdam.de/kulturerben-zeigen-ihre-stadt.

Von Rainer Schüler

Märkische Allgemeine vom 03. September 2018

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