Berliner Tagesspiegel vom 04. Dezember 2018

Die langen Wege des Herrn

Dunst der Stunde. Die Dorfkirche in Raben bei Bad Belzig am Totensonntag, drinnen kondensiert die Atemluft der Gottesdienstbesucher zu Wölkchen.
Fotos: Andreas Austilat

Kirche ist dafür da, den Himmel offen zu halten, sagt Pfarrer Stephan. Und die Türen. Doch längst nicht mehr in jedem Dorf in Brandenburg gibt es einen. Deswegen werden seine Besuche wichtiger denn je - nicht nur für die Gläubigen

Von Andreas Austilat, Bad Belzig

Im Dorf Preußnitz nagt der Holzwurm am Gebälk der Kirche. Und Pfarrer Matthias Stephan hat einen Verdacht: "Wir sind dort so selten", spricht der hagere 47-Jährige mit dem graumelierten Kurzhaarschnitt in die kleine Runde - es ist Bürodonnerstag im Bad Belziger Gemeindehaus. Nein, versichert der Vorsitzende des Bauausschusses, Holzwürmer scherten sich nicht darum, ob unter ihnen zum Lobe des Herrn jubiliert wird oder es still bleibt.

Was für ein Glück für viele brandenburgische Dorfkirchen. Ihr Schicksal, es wäre ansonsten besiegelt. Denn die Zeiten, in denen es in jedem Dorf einen Pfarrer gab und immer sonntags gesungen wurde, sie sind längst vorbei. Sinkende Mitgliederzahlen um die Jahrtausendwende zwangen auch die evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg zum Sparen. Pfarrerstellen wurden abgebaut, einst 2000 Kirchengemeinden zu 1350 zusammengelegt.

Matthias Stephan kann die Größe seines Sprengels am Tacho ablesen. 20 mal 20 Kilometer misst der Kirchenbezirk Rädigke-Belzig, an die 15 000 Kilometer spult er jährlich ab zwischen seinen Dörfern im Hohen Fläming. Stephan betreut dabei 1600 Seelen, so viele Mitglieder zählt die Kirche noch in seinen Dörfern, das sind etwa 40 Prozent der Einwohner. Heiligabend wird Pfarrer Stephan drei Gottesdienste selbst abhalten, für die übrigen stehen dann der Superintendent, zwei Gemeindepädagogen und eine Vikarin bereit, das muss reichen.

Ob ihn das nicht stresst? Falls ja, sieht man es ihm nicht an. Die Mischung aus Anteilnahme und Optimismus, er wird sie sich die nächsten Stunden bewahren.

Der Stellenabbau der frühen 2000er Jahre schreckte manchen Interessenten vom Theologiestudium ab. Inzwischen könnten sich die Absolventen ihre Stelle aussuchen. Der Personalreferent der Landeskirche schlug vergangenes Jahr Alarm, 40 neue Pfarrer würden in Brandenburg jährlich benötigt, aber nur 20 bis 25 Studenten beendeten ihre Ausbildung.

Im Bad Belziger Büro ist der Andrang groß: Der Friedhofsgärtner spricht vor, weil sein Radlader immer noch defekt ist. Der Kantor mahnt, viele Orgeln seien schlecht durch die Sommerdürre gekommen. Und draußen warten zwei junge Afghanen auf eine Taufbescheinigung zur Vorlage beim Amt. 17 Kirchen muss Pfarrer Stephan im Blick haben, seine eigenen acht, die Stadtkirche in Sankt Marien, die er zur Hälfte betreut, und acht weitere Dörfer, solange die andere Hälfte der Bad Belziger Stelle noch vakant ist.

Wenigstens einmal im Monat soll überall ein Gottesdienst stattfinden, in Dörfern, die keinen Lebensmittelladen mehr haben, keinen Arzt und oft genug auch keine Bushaltestelle. Eine Kirche haben sie alle noch. Meistens ist sie das älteste Gebäude im Ort, und falls wie in Preußnitz nicht schon vor 50 Jahren der Turm abgetragen werden musste, ist sie auch das höchste, verkündet ihre Spitze schon aus der Ferne: Hier ist ein Dorf.

Gelassen. Matthias Stephan hat seinen Vertrag gerade um 10 Jahre verlängert.

Wer so viel über Land fährt wie Pfarrer Stephan, weiß, wer in Buchholz Angst vor Parkinson hat und wer in Raben im vergangenen Jahr verstorben ist, für jeden von ihnen hat er im Gottesdienst eine Kerze angezündet. Vielleicht hat er diese Menschen sogar beerdigt. Kirche ist dafür da, den Himmel offen zu halten, sagt er. Es gehe darum, den Menschen zu zeigen, da gibt es eine Dimension, die über die Sorgen des Alltags hinausgeht.

Im Moment ist er allerdings im Diesseits gefragt. Für Mützdorf muss er noch jemanden finden, der Heiligabend die Orgel spielt. Und während der Bauausschussvorsitzende nach Preußnitz aufbricht, um das Gebälk zu inspizieren, hat er gleich noch einen Termin in Lühnsdorf, eine Besprechung wegen der dortigen Kirchensanierung.

In Lühnsdorf, 111 Einwohner, wartet Fritz Moritz. Der 71-Jährige ist im Dorf geboren, hat sein ganzes Leben hier verbracht. Er ist bekennender Atheist. Was nichts daran ändert, dass seine Verbindung zur Kirche eng ist. Moritz, gelernter Elektriker, meldete sich als einer der ersten, als das marode Gotteshaus die Hilfe der Dorfgemeinschaft brauchte, er übernahm gewissermaßen die Bauleitung.

Das war 2014 und viele hätten mit angepackt, als sie erkannten, dass der Bau bedroht ist. Ganz egal, ob sie fest im Glauben stünden oder nicht. Die Kirche, sagt Moritz, "ist doch unser Erkennungszeichen", sie erst mache das Dorf unverwechselbar. Nun ist der neogotische Bau, 1898 errichtet, ein Schmuckstück. Gern wird sie als Hochzeitskirche gebucht.

Pfarrer Stephan betrachtet wohlgefällig die neuen LED-Lichter, die den Weg zum Eingang weisen. Kirchensanierung, erklärt er, sei auch ein Stück Gemeindeaufbau: Wenn alle mittäten, das verbindet. Es komme nur darauf an, dass sich einer meldet und sagt: Das machen wir. Die Strategie ging offenbar auf, viele kleine Dorfkirchen strahlen in neuem Glanz. Auch in Buchholz packten alle mit an. Heiligabend müssen sie sämtliche Bänke hineintragen, die sie haben. Dann kommen schon mal 70 Besucher - in einem Ort der nur 90 Einwohner hat.

Was muss einer wie er mitbringen für seinen Beruf? Den Glauben natürlich, antwortet Stephan, die Überzeugung, dass alles gut wird, auch wenn der Augenschein zunächst dagegen spricht. Dazu eine gute Stimme, die die Gemeinde mitreißt. "Und sie müssen die Menschen mögen." Was er vergessen hat zu sagen ist der Führerschein, ohne dieses wichtige Accessoire geht im Fläming gar nichts.

Das alles konnte Matthias Stephan nicht ahnen, als er 1987, da war er 16, erstmals den Wunsch äußerte, Theologie studieren zu wollen. Prompt bat ihn seine Direktorin an der Erweiterten Oberschule Berlin-Lichtenberg zum Gespräch. Hatte er nicht angekündigt, Zahnarzt werden zu wollen? War das nicht der Grund, warum sie ihn überhaupt zum Abiturmachen an die EOS delegiert hatten? Theologe, das war im real existierenden Sozialismus der DDR nun wirklich nicht der Berufswunsch, der staatlicherseits für förderungswürdig gehalten wurde.

Warum ist er vom vorgezeichneten Weg abgewichen? Stephan sagt, er wollte alles ganz genau wissen, zum Beispiel wie das mit Israel und dem Judentum sei. Auch das stand nicht im Lehrplan, Theologie schien ihm ein geeigneter Weg. Natürlich ging einer wie er auch nicht zur NVA, zeitgleich mit der Wende bekam er die Einberufung zu den Bausoldaten, in der DDR die einzige Möglichkeit, dem Dienst an der Waffe zu entgehen.

Stephan studierte Theologie, aber es kündigte sich schon an, mit einer Pfarrerstelle würde es schwierig angesichts der sich abzeichnenden Sparmaßnahmen. 2004 dann die Überraschung: Die Landeskirche wollte ihn, den Berliner aus Friedrichsfelde, nach Rädigke entsenden, ein Dorf von 160 Einwohnern. Zwei Tage Bedenkzeit bekamen er und seine Frau. Am nächsten Tag schauten sie sich Dorf und Pfarrhaus an. Kurzentschlossen sagten die beiden zu, obwohl Stephans Frau seitdem jeden Tag zu ihrer Arbeit nach Berlin pendeln muss. Ob es lange gedauert hat, bis die Dörfler ihn, den Berliner, akzeptierten? Nun, die seien froh gewesen, dass im lange verwaisten Pfarrhaus wieder Licht brennt.

Das bedeute nicht, dass nun alle in die Kirche strömten. Einmal ist es ihm sogar passiert, dass sonntags niemand kam. Das war in Mützdorf. Er habe einfach weiter geläutet. Aufgeben kam für ihn nicht infrage. Wenn Gottesdienst nicht mehr das Format sei, das die Leute anspreche, müsse er sich etwas anderes überlegen. Seitdem gibt es in Mützdorf einmal im Monat das Gemeindecafé in der Kirche. Die Dörfler backen Kuchen, er überlegt sich ein Thema.

Pfarrer Stephan ließ sich noch mehr einfallen, brachte eine Handpuppe mit in den Gottesdienst in Grubo, in Buchholz stimmte er einem reinen Frauengottesdienst am Frauentag zu. Wenn sonntags nur fünf, sechs oder zehn Dörfler vor ihm sitzen, ist das trotzdem normal. Es frustriere ihn nicht, beteuert er. Aber: Die Predigt in der Bad Belziger Stadtkirche, wo 40 Leute den Gottesdienst besuchten, das gebe ihm schon Kraft, das brauche er.

Auch ein Pfarrer kommt eben nicht ohne Erfolgserlebnisse aus. Doch wenn 40 Einwohner eines Dorfes Mitglieder der Kirche seien, und von denen kämen acht, dann sei das doch gut. Natürlich gibt es Menschen, die nachrechnen, ob sich das lohnt. "Gott sei Dank", sagt er, "muss ich mir diese Frage nicht stellen. Wir haben die Freiheit, sinnlos erscheinende Dinge zu tun, ich muss mich noch nicht abhängig machen von Zahlen."

Andere tun das, sonst gäbe es in den meisten Dörfern hier noch einen eigenen Pfarrer. Matthias Stephan erlaubt sich eine Andeutung von Schärfe. "Weiter sparen geht nicht", sagt er, "dann bekommen wir weiße Flecken auf der Landkarte."

Die gibt es freilich schon. In Klein Glien wird nicht einmal mehr einmal im Monat sonntags gepredigt. Weshalb ein Coworking-Space-Abieter sich gemeldet hat, der schon den Gutshof dort bewirtschaftet. Gern würde er auch das Gotteshaus in seine Pläne einbeziehen. "Muss man sich anschauen", sagt Stephan über diese Pläne. Eines lehnt er kategorisch ab: Verkauft wird keine Kirche.

Drei Tage später, Sonntag, 13 Uhr 15, in Raben. Ein Huhn überquert das schadhafte Kopfsteinpflaster der Dorfstraße und geht dabei kein Risiko ein. Es wird eine Weile dauern, bis wieder ein Auto kommt. In einer halben Stunde vielleicht, denn um 14 Uhr soll hier der Gottesdienst beginnen. Im Moment ist die Kirche noch kalt und leer. Dafür sind im Gasthaus vier Tische besetzt.

Der Wirt hilft aus beim Krippenspiel.
Es gibt zu wenige Kinder

Immerhin, Raben hat einen Gasthof, auf den Dörfern sind auch die Kneipen rar geworden, oft der einzige Versammlungsort neben der Kirche. Hinter dem Tresen steht Mike Hesse, seine Familie hat hier seit 1736 das Schankrecht. Aber wenn die nahe Burg Rabenstein nicht wäre, mit ihren vielen Tagestouristen, der Gasthof würde sich längst nicht mehr rechnen. An den vier besetzten Tischen bedient er gerade ausschließlich auswärtige Gäste.

Auch Mike Hesse erklärt freimütig, er habe mit der Kirche nichts am Hut. Was ihn nicht daran hindert, an den Proben für das Krippenspiel teilzunehmen. Er wird natürlich einen Schankwirt spielen, wie seit zehn Jahren schon. Ist es nicht normalerweise so, dass Kinder das Krippenspiel aufführen? Das mag schon sein, aber in Raben gehe das nicht. Unter den 135 Einwohnern sind zu wenige Kinder.

20 Minuten sind es noch bis zum Beginn des Gottesdienstes. Pfarrer Stephan fährt vor. Eben noch hat er den Gottesdienst in Bad Belzig abgehalten, nun folgt sein Auftritt in Raben. 20 Besucher füllen inzwischen die Hälfte aller Bänke. Vielleicht, weil heute hier der Toten gedacht wird. Mehr als ein Besucher wischt sich eine Träne aus dem Gesicht, während Pfarrer Stephan die Gemeinde zu einer Art Wechselgesang auffordert. Seine Atemluft kondensiert zu Wölkchen.

Das wird aussterben, sagt draußen ein junger Mann über diese Form der Liturgie. Er ist zu Besuch bei den Schwiegereltern. Wie überhaupt die Dörfer aussterben würden, über kurz oder lang, leider.

Werden sie nicht, glaubt Pfarrer Stephan. Nicht, wenn in Berlin die Mieten weiter so steigen, wenn mehr Menschen entdecken, welche Qualität das Leben auf dem Land hätte, wenn sie rauszögen. Vielleicht komme der Kirche dann die Aufgabe zu, zu integrieren, Neu- und Altbürger zu verbinden. Gerade erst hat er in Rädigke für zehn Jahre verlängert.

Rädigke sei doch das beste Beispiel wie lebendig ein Dorf sein könne. Unter den 160 Einwohnern leben 26 Kinder. Es gibt einen Gasthof, darin sogar eine Bibliothek. Stephan trägt seinen Anteil zum gesellschaftlichen Leben bei, regelmäßig lädt er dort mit einem Kollegen zum theologischen Salon. Als die Kirche saniert werden musste, halfen auch hier alle.

Heute strahlt in der Apsis wieder ein blaugoldener Sternenhimmel. Auf einem restaurierten Wandbild haben sich Jesus und seine Jünger versammelt. Einer fällt dort auf, weil Haar und Barttracht so ganz anders sind. Es ist Johann Fischer, der war 1904 hier Pfarrer, hat das Bild wie er stolz vermerkt hat, selbst bezahlt und sich hier ein Denkmal gesetzt.

Wenn ihn seine Gemeinde eines Tages ehren will, vielleicht retuschiert sie ihn hinein? Ein befremdlicher Gedanke, findet Stephan. Er muss weiter. Um 16 Uhr beginnt der Gottesdienst in Buchholz.