Erläuterung: Die im Text genannten Folien verweisen auf die PowerPoint-Präsentation "Denkmaltag2016Janowski.pptx"

Wie viele Kirchen braucht das Land? Plädoyer für ein neues "Brandenburger Gespräch"

Vortrag von Bernd Janowski auf dem 24. Brandenburgischen Denkmaltag 2016 / Brandenburg an der Havel am 4. November 2016: "Brandenburgische Kirchen im Wandel"

Folie 1 - Lutherbild Beenz

Bernd Janowski ist Geschäftsführer des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg e.V.

Sehr geehrte Damen und Herren,

nachdem vor kurzem der Poet und Songwriter Bob Dylan mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet wurde, ist es möglich geworden, ihn auch bei seriösen Veranstaltungen wie dem heutigen Denkmaltag zu zitieren; und so möchte ich meinem heutigen Vortrag ein - selbstverständlich völlig aus dem Zusammenhang gerissenes - Zitat aus einem Song der CD "Time out of mind" voranstellen, in dem es heißt:

I can hear the church bells ringin' in the yard. I wonder who they're ringin' for?

Frei übersetzt: Ich höre die Kirchenglocken läuten. Und ich frage mich, für wen sie läuten.

Die Denkmalpflege der letzten zweieinhalb Jahrzehnte im Bereich der kirchlichen Bauten im Land Brandenburg ist eine großartige Erfolgsgeschichte. Viel konnte in den vergangenen zwei Jahrzehnten für die Erhaltung und Instandsetzung unserer brandenburgischen Dorfkirchen erreicht werden: Marode Dachstühle wurden repariert und Kirchendächer neu gedeckt, Fundamente trockengelegt, Fachwerkkonstruktionen instandgesetzt und Außenmauern neu verputzt.

Nach erfolgreicher Sanierung hört man in vielen Dörfern nun wieder pünktlich um 18 Uhr das Feierabendläuten der Kirchenglocken. Was jedoch hat uns dieses Läuten heute noch zu sagen? Ermuntert es die Menschen auch, zahlreicher die wunderbar instandgesetzten Kirchen zu besuchen? Oder wird nicht der Klang der Glocken lediglich noch als stimmungsvoller Brauch oder als lästiger Lärm wahrgenommen?

Folie 2 - Briest

Das Problem sowohl der Institution Kirche als auch der Denkmalpflege heute besteht nicht mehr darin, dass uns in großem Umfang Kirchengebäude durch gravierende Bauschäden verlustig zu gehen drohen - sondern in der Frage, wer in zehn oder zwanzig Jahren überhaupt noch in diese Kirchen hineingeht.

Vor nicht allzu langer Zeit bot eine Pfarrerin aus der Uckermark an, mir eine ihrer Kirchen, in der seit Jahren keine Gottesdienste mehr stattfinden, zu schenken. Nun war dieses Angebot sicher eher ironisch gemeint, doch es zeigt exemplarisch die Schwierigkeiten der Gemeinden im Umgang mit Kirchengebäude, die derzeit für ihren eigentlichen Zweck- die Verkündigung - schlicht nicht benötigt werden. Mit diesen scheinbar überflüssigen Kirchengebäuden möchte ich mich in meinem kurzen Referat beschäftigen und ich bitte bereits im Voraus um Entschuldigung dafür, dass ich die tatsächlich erzielten und oftmals bewundernswerten Erfolge der Denkmalpflege im Bereich der Sakralgebäude diesmal nicht anspreche. Bei anderer Gelegenheit wird dazu wieder ausgiebig Gelegenheit sein.

Um Sie auf die von mir anzusprechende Problematik einzustimmen, habe ich einige Beispiele aus dem Landkreis Uckermark ausgewählt, weil in der strukturschwachen, an der Peripherie gelegenen und dünn besiedelten Region die Symptome der demographischen Veränderungen und der fortschreitenden Säkularisierung bereits weiter fortgeschritten sind als im sogenannten Speckgürtel. Allerdings ließen sich genügend Beispiele auch aus anderen Regionen zeigen und zeitversetzt wird die Zahl der immer seltener bis überhaupt nicht mehr genutzten Kirchen mit Sicherheit landesweit zunehmen.

Die Bevölkerungszahl im Landkreis Uckermark sank von etwa 170.000 im Wendejahr 1989 auf gegenwärtig noch etwa 120.000. Für 2030 wird ein weiterer Rückgang auf nur noch 91.000 Einwohner prognostiziert. Damit hätte sich die Einwohnerzahl in einem halben Jahrhundert halbiert. In den letzten zweieinhalb Jahrzehnten verliert die Uckermark bei etwa gleichbleibender Tendenz jährlich etwa 2.000 Einwohner. Rein statistisch gesehen bedeutet dies, dass Jahr für Jahr etwa zehn Dörfer von der Größe des Ortes Melzow, in dem ich seit etlichen Jahren lebe, dicht gemacht werden könnten. Und da in der Regel jedes uckermärkische Dorf über ein Kirchengebäude verfügt, hieße das - wiederum rein statistisch gesehen dass jedes Jahr zehn dieser zum größten Teil aus dem Mittelalter stammenden Kirchengebäude überflüssig werden und zur Disposition stehen.

Die Zahl der Evangelischen Kirchenmitglieder ging seit 1990 um etwa 20 Prozent zurück, die Anzahl der Pfarrstellen sank im gleichen Zeitraum um etwa 60 Prozent. Gegenwärtig gehören noch etwa 15 Prozent der Bevölkerung zur evangelischen Kirche, mehr als fünfzig Prozent davon sind 65 Jahre und älter. Auf ein "aktives" Kirchengebäude zählen zur Zeit durchschnittlich ca. 95 Kirchenmitglieder, die in ihren Kirchengemeinden zudem für Pfarrhäuser und Friedhöfe zuständig sind.

Hier meine Beispiele, die ich der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit geschuldet, nur stichpunktartig ausführen möchte:

Folie 3 - Stegelitz

Dorfkirche Stegelitz: Von der Ausstattung her eine der originellsten Kirchen der Uckermark: durch den Einzug von Pfeilern im 16. Jahrhundert zum zweischiffigen Kirchenraum umgebaut, schönes Renaissance-Retabel, Marmor-Epitaph des Bildhauers Johann Gottlieb Glume für den Generalfeldmarschall Georg Abraham von Arnim. Seit mehreren Jahren ungenutzt. Erhebliche bauliche Probleme. Derzeit keine Nutzung. Kein Interesse der Ortsbevölkerung. Die Kirchengemeinde überlegt, den Altar in die Kirche eines Nachbarortes (nach Gerswalde) umzusetzen.

Folie 4 - Flemsdorf

Dorfkirche Flemsdorf: Mittelalterlicher Feldsteinbau, Pietá aus dem späten 13. Jahrhundert, wunderbarer großer Barockaltar von Bernhard Heinrich Hattenkerell, Orgel von Joachim Wagner, Taufengel. Gottesdienst zwei bis dreimal im Jahr mit jeweils maximal 4 Besuchern. Kirchturm im vergangenen Jahr - auch mit Unterstützung des Förderkreises Alte Kirchen - notgesichert. Es gibt Überlegungen, die Wagner-Orgel nach Berkholz-Meyenburg umzusetzen.

Folie 5 - Petznick

Dorfkirche Petznick: Schlichter klassizistischer Bau um 1850 mit ebenso schlichter Ausstattung. Vor etwa zehn Jahren Sicherungsarbeiten am Dach. Steht derzeit zum Verkauf.

Folie 6 - Weselitz

Dorfkirche Weselitz: Mittelalterlicher Feldsteinbau, um 1860 umfassend erneuert, aus dieser Zeit auch die einheitliche Ausstattung, Orgel von Johann Simon Buchholz 1821, die Turmspitze wurde 1988 von der örtlichen Feuerwehr wegen Baufälligkeit abgetragen. Nachdem die Kirchengemeinde 2003 die derzeit nicht spielbare Orgel von Johann Simon Buchholz (1821)für 5.000 Euro verkaufen wollte, um eine Notsicherung des Kirchendaches vorzunehmen, stellte der Förderkreis Alte Kirchen dieselbe Summe zur Verfügung unter der Bedingung, dass die Orgel in der Kirche bleibt. Derzeit ist die Kirche ungenutzt.

Folie 7 - Beenz bei Lychen

Dorfkirche Benz bei Lychen: Kleiner mittelalterlicher Feldsteinbau, von der Ausstattung nur Reste erhalten. Seit mehreren Jahrzehnten ungenutzt. Die Gründung eines Fördervereins vor gut zwei Jahren versprach kurzzeitig Hoffnung, die anscheinend verfrüht war.

Folie 8 - Sternhagen

Dorfkirche Sternhagen: Mittelalterlicher Feldsteinbau mit wunderschöner, geschlossener barocker Ausstattung, Kanzelaltar, Taufengel, reich verzierte Patronatsloge in einem Dorf mit weniger als 50 Einwohnern. Umfassende Sanierung der Kirche in den 90er Jahren. Restaurierung der Orgel von Joachim Wagner (1736)im Jahr 2010. Sporadische Nutzung der Kirche durch das benachbarte Rüstzeitenheim. Gemeindegottesdienste finden nicht statt, Orgelkonzerte mangels Publikum nur selten.

Folie 9 - Lindenhagen

Lindenhagen: Ebenfalls ein mittelalterlicher Feldsteinbau mit vergleichsweise bescheidener Ausstattung, die über etliche Jahre nicht für Gottesdienste genutzt wurde. Um die Jahrtausendwende gab es die vage Idee, hier ein uckermärkisches Hugenottenmuseum einzurichten, die sich jedoch bald zerschlug. Durch die Neubesetzung der Pfarrstelle finden jetzt wieder zwei bis drei Sprengel-Gottesdienste pro Jahr statt.

Folie 10 - Werbelow

Werbelow: Erster Kirchenbau in der Uckermark nach der Reformation mit Altaraufsatz aus der Bauzeit und auch ansonsten interessanter Ausstattung. Trotz Instandsetzungsarbeiten im Jahr 2003 weitgehend ungenutzt.

Ich könnte weitere Beispiele anführen für uckermärkische Dorfkirchen die derzeit nur noch äußerst sporadisch genutzt werden und mangels Gemeindegliedern vermutlich in absehbarer Zeit völlig aus der Nutzung fallen.

Folie 11 - Malchow

Auf die Situation der Stadtkirchen in Prenzlau hat in seinem Vortrag bereits Dr. Drachenberg hingewiesen: Die Dreifaltigkeitskirche, ehemals Gotteshaus des Franziskanerklosters, ist baulich gesichert, wird aber seit Jahren überhaupt nicht genutzt. Nach Fertigstellung der zum modernen Gemeindezentrum umgebauten Jakobikirche soll die wunderschön am Unteruckersee gelegene St. Sabinenkirche endgültig aus der kirchlichen Nutzung genommen werden. Die St. Nikolaikirche möchte die Gemeinde an die Stadt abgeben, die derzeit jedoch dankend abwinkt.

Folie 12 - Kirche auf Rädern

Vielleicht fragt sich der eine oder andere, ob die aufgezeigte Entwicklung nicht lediglich die Institution Kirche zu interessieren hat. Weshalb diese Aufzählung auf einer Veranstaltung von Denkmalpflegern? Ich denke jedoch, dass nicht genutzte Sakralbauten - oftmals mit einer künstlerisch und historisch bedeutenden Ausstattung - auch für die Allgemeinheit ein ernstzunehmendes Problem darstellt und dass es gut wäre, gemeinsam über den Umgang mit einer bedrohten Denkmalgattung nachzudenken. Hinzu kommt, dass die langfristige Erhaltung ungenutzter Baudenkmäler schwieriger und kostenintensiver ist als die genutzter und regelmäßig gewarteter Bauten. Das ist bei Kirchen nicht anders als bei Gutshäusern, Industriedenkmalen oder schlichten Wohngebäuden.

500 Jahre nach der Reformation haben wir es erneut mit einem gewaltigen Kulturbruch zu tun. Ich denke, an dieser Stelle muss ich nicht noch einmal ausführlich auf die demographische Entwicklung und die zunehmende Säkularisierung unserer Gesellschaft eingehen. Der enorme wirtschaftliche, soziale und kulturelle Strukturwandel unserer Gesellschaft ist nicht zu übersehen. Die einzige Konstante ist das Fortschreiten des rasanten Wandels. Bereits vor zwei Jahrzehnten brachte der niederländische Autor Geert Mak die Umbrüche in den europäischen Dörfern mit einem einzigen Satz auf den Punkt: "Ende des zwanzigsten Jahrhunderts erlebten wir die letzten Jahre einer Kultur, wie wir sie jahrhundertelang kannten, die uns aber jetzt binnen weniger Jahrzehnte zwischen den Fingern zerrann."

Zusätzlich zu den Problemen der Überalterung, des Wegzugs der Jugend, der Ausdünnung der Infrastruktur etc. ist in unseren Dörfern jedoch noch etwas anderes zu beobachten: Mit der Industrialisierung der Landwirtschaft, die über Jahrhunderte "das Fundament gewesen war, auf dem die dörfliche Wirtschaft ruhte", mit dem Wegfall bäuerlicher Arbeitsplätze und der infrastrukturellen Zentralisierung des ländlichen Raumes verschwinden in rasantem Tempo typisch dörfliche Lebensformen. Noch einmal Geert Mak: "Traditionen verschwanden Ende des zwanzigsten Jahrhunderts genauso schnell wie bestimmte Pflanzenarten auf einer Viehweide - sofern man sie nicht künstlich am Leben erhielt."

Welche Auswirkungen haben diese Kultur- und Traditionsbrüche auf das christliche Leben - und im Sinne unserer heutigen Veranstaltung - auf die in ihrer übergroßen Mehrheit denkmalgeschützten Kirchengebäude in unserem Land?

Im Konzeptpapier des Deutschen Nationalkomitees zum Europäischen Kulturerbejahr 2018 und in den kürzlich veröffentlichten Informationen zum Projektstand werden die "gemeinsamen antiken und humanistischen Wurzeln" Europas beschworen, die Wörter "christlich" oder "Kirche" in irgend einem Zusammenhang kommen in den Texten nicht ein einziges Mal vor. Während eine intensive Debatte darüber geführt wird, ob der Islam zu Deutschland gehört, stellte der Autor Matthias Matussek bereits im Februar 2o15 die berechtigte Frage, ob denn das Christentum noch zu Deutschland gehört.

Trotz der großartigen Feiern zum Reformationsjubiläum wird der Säkularisierungsprozess weiter fortschreiten. Kirchengebäude werden bereits jetzt immer seltener als Räume des Glaubens und der Spiritualität wahrgenommen, sondern als dekorative Bauten innerhalb der Stadt oder des Dorfes. Die Kirchen bleiben leer und ihre Ausstattungen werden - im besten Falle - zu touristischen Sehenswürdigkeiten. "Vor den Holzfiguren tauchen immer weniger Menschen auf, die verstanden, was sie darstellten, wer sie waren und was sie bewegte. Die Figuren verstummten, und wenn sie ein Wort sprachen, dann nur untereinander. Trauer lag auf ihren Gesichtern. Sie ertrugen die unwissenden Blicke der Fremden, die von sich nicht behaupten würden, dass sie hier fremd wären, mit Geduld."

Wir leben in einer Zeit, in der der Sinn einer Sache ausschließlich in ihrem Nutzen gesehen wird, das heißt in ihrer Anwendung zum eigenen Vorteil. Und so wird nicht nur die Kirchenmitgliedschaft, sondern auch die Frage nach dem Erhalt und der Bewahrung von Kirchengebäuden zu einer nüchternen Kosten-Nutzen-Analyse.

Eine überaus positive Rolle für die Erhaltung und Instandsetzung von Kirchengebäuden hatten in den zurückliegenden Jahrzehnten zahlreiche lokale Fördervereine, die in sehr vielen Fällen auch von Nicht-Kirchenmitgliedern getragen wurden. Auch hier jedoch sind Symptome des Abbruchs zu erleben: Es gibt in vielen Initiativen ernste Nachwuchsprobleme. Eine junge Generation, die das begonnene Werk fortsetzt, wächst an etlichen Orten nicht nach. Teilweise kommt es aus diesen Gründen bereits zur Auflösung von Vereinen.

Von Arthur Schopenhauer stammt der Aphorismus "Meistens belehrt uns erst der Verlust über den Wert der Dinge." Bevor es so weit kommt, sollten wir uns gemeinsam darüber Gedanken machen, wie wir langfristig mit unseren Kirchengebäuden - auch mit denen, die derzeit nicht gebraucht zu werden scheinen - umgehen.

Folie 13 - Brodowin


Hier - aus Sicht des Förderkreises Alte Kirchen - einige Thesen:

Kirchengebäude, speziell unsere Dorfkirchen, verkörpern Heimat. Heimat wird erst dann wichtig, wenn sie droht, in einer immer unübersichtlicheren Welt verlustig zu gehen. In Zeiten, in denen immer mehr infrastrukturelle Einrichtungen und Kulturträger aus der Fläche verschwinden, sollten unsere jahrhundertealten Kirchengebäude bewusst ein Zeichen für Beständigkeit setzen. Wie die große Zahl von Engagierten in den Gemeinden, den Kirchbauvereinen und darüber hinaus zeigt, haben die Dorfkirchen ihre Bedeutung für das Gemeinwesen noch lange nicht verloren. Sie werden weiterhin gebraucht.

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Die Instandsetzung und Sanierung von Kirchengebäuden - vor allem aber auch die notwendige ständige Bauunterhaltung - sind weiterhin notwendig. Dafür müssen verlässliche Finanzierungsmöglichkeiten garantiert werden. Stärker als zuvor wird sich das Augenmerk der Denkmalpflege auf die Konservierung und Restaurierung wertvoller historischer Ausstattungsstücke richten müssen. Die meisten potentiellen Fördermittelgeber berücksichtigen das reichhaltige Inventar unserer Kirchen nicht. Dabei befinden sich weitaus die meisten Kunstwerke aus allen Epochen der Kunstgeschichte im Land Brandenburg in Kirchengebäuden. Hier drohen wertvolle Zeugnisse der Kunst- und Glaubensgeschichte unwiederbringlich verloren zu gehen, wenn nicht Abhilfe geschaffen wird. Die gemeinsam mit dem Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege und der Evangelischen Landeskirche initiierte Aktion "Menschen helfen Engeln" sowie die jährlichen Spendenaufrufe für bedrohte Kunstwerke sind ein Schritt in die richtige Richtung.

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Unser Engagement für die Erhaltung und Bewahrung von Gotteshäusern sollten wir nicht isoliert betrachten, sondern die Kirche als Bestandteil des "Sozialraumes" Dorf begreifen. Nicht vergessen werden sollten die peripheren Regionen des Landes, die mit wirtschaftlichen und sozialen Problemen stärker zu kämpfen haben als der sogenannte "Speckgürtel". Es ist wenig sinnvoll, ausschließlich "Leuchtturmprojekte" zu fördern. Leuchttürme strahlen in die Weite, was sicher von ferne ein schönes Bild abgeben kann. "Am Fuß des Leuchtturms" jedoch - so sagt ein japanisches Sprichwort - "ist es dunkel."

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Das wichtigste Potential zur Bewahrung unserer Kirchengebäude bleiben die Menschen. Gemeinden sollten sich stärker als bisher Nicht-Kirchenmitgliedern öffnen. Der Schweriner Bischof Andreas von Maltzahn stellte fest, es sei "endlich an der Zeit, nicht so sehr in Kategorien von Mitgliedschaft zu denken, sondern von Beteiligung und von Weggemeinschaft".

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Es ist nicht die vorrangige Aufgabe der Institution Kirche, die Erhaltung ungenutzter denkmalgeschützter Sakralbauten zu gewährleisten und zu finanzieren. Wenn es ein gesellschaftliches Interesse an der Bewahrung der sakralen Denkmaltopographie gibt - und das setze ich einfach voraus - dann muss eine gesellschaftliche Mitverantwortung für die Bewahrung dieses Erbes sich zwangsläufig daraus ergeben. Eine breite Verantwortungsgemeinschaft ist notwendig. Kirchengemeinden, Kommunen, Kulturträger und Fördervereine sollten sich vor Ort viel öfter und viel intensiver in einen Dialog begeben, um gemeinsam über das in der Regel wichtigste Gebäude des Gemeinwesens zu beraten.

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Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) hat kürzlich eine Handreichung für Gemeindekirchenräte zum Thema "Offene Kirchen" veröffentlicht. Ziel ist es, dass bis Ende 2017 möglichst alle Kirchen auch über Veranstaltungszeiten hinaus zugänglich" sind. Offene Kirchen sind nicht nur ein Angebot an Touristen, sondern auch eine Voraussetzung für ihre langfristige Erhaltung. Ich würde mir wünschen, wenn die Aktion "Offene Kirchen" des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg - im kommenden Jahr 2017 wird unsere gleichnamige Jahresbroschüre bereits zum 18. Mal erscheinen (!) - von kirchlicher und politischer Seite mehr Aufmerksamkeit und Unterstützung finden würde.

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Die kulturelle und soziale Nutzungserweiterung von Kirchen stellt eine große Chance für die langfristige Erhaltung der Gebäude dar. Darüber hinaus bietet sie die Chance, mit Kooperationspartnern - Fördervereinen, Kommunen, Kultureinrichtungen usw. - in ein konstruktives Gespräch einzutreten. Hier sind gleichermaßen Kreativität, Offenheit und Sensibilität gefragt. Bei einer erweiterten Nutzung bleibt die Kirche Gottesdienstraum der Gemeinde, öffnet sich jedoch - durchaus im Sinne des Evangeliums - für die Gesellschaft.

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In einer zunehmend säkularisierten Umwelt ist es wichtig, die ikonographische und liturgische Lesbarkeit der Kirchenräume zu bewahren und damit einem zunehmenden kulturellen Analphabetismus vorzubeugen. Hier ist die Kirchenpädagogik ebenso gefordert wie die Kirchengemeinden vor Ort.

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Denkmalschutz und Denkmalpflege sollten sich nicht darauf reduzieren, "historische Substanz für die Kunstwissenschaft zu konservieren und zu dokumentieren", sondern dem Menschen verpflichtet bleiben. In Bezug auf unser Thema heißt das, dass bei eventuellen Nutzungserweiterungen oder sogar Umnutzungen vielleicht auch das ein oder andere Mal Kompromisse eingegangen werden müssen, die über die bisherige Praxis hinausgehen.

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Zunehmend wird sich die Frage stellen, was mit dem Inventar nicht genutzter Kirchen geschehen soll. Altarretabel, Kanzeln, Taufengel und andere Ausstattungsstücke gehören zum jeweiligen Denkmal Kirche vor Ort. Dort, wo durch dauerhafte Nichtnutzung, eventuelle zusätzliche Bauschäden und dadurch entstehende ungünstige klimatische Bedingungen Kunstwerke in ihrem Bestand gefährdet sind, sollte über eine Auslagerung und Unterbringung an einem geeigneten Ort nachgedacht werden. Ob die Schaffung geeigneter Depots langfristig eine geeignete Lösung darstellt, sollte zumindest geprüft werden.

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Wir stehen derzeit vor Fragen, die nicht nur von der Institution Kirche zu beantworten sind: Welche Auswirkungen hat die Säkularisierung oder die Privatisierung einer Kirche auf das Gemeinwesen? Ist es gerechtfertigt, größere finanzielle Mittel für die Instandsetzung von Gebäuden auszugeben, die eigentlich keiner mehr braucht? Wie kann das markanteste Gebäude im Ort wieder zum Mittelpunkt des gesamten Gemeinwesens werden. Oder, um es mit dem Architekturkritiker Wolfgang Kil zu formulieren: Wie lebt man mit Relikten, die niemand mehr braucht? Ich möchte dafür plädieren, auch derzeit nur selten oder überhaupt nicht genutzte Kirchen nicht leichtfertig aufzugeben. Gegenüber Bauwerken, die Jahrhunderte überstanden haben, sollten wir nicht in hektischen Aktionismus verfallen und uns etwas mehr Gelassenheit gönnen. Nach Zerstörungen in Not- und Kriegszeiten waren es zumeist als erstes die Kirchengebäude, die wieder aufgebaut wurden und das in wirtschaftlich wahrlich schlechteren Zeiten als den unseren. Gebäude, die im Augenblick nicht benötigt werden, können mit recht bescheidenen Mitteln notgesichert und in den "Wartestand" versetzt werden.

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Zwischen 1987 und 1994 fanden insgesamt fünf sogenannte "Berliner Gespräche" statt, in denen sich die Landeskirche - bei den ersten beiden Gesprächen noch die "Westberliner" Kirche - und der Berliner Senat intensiv mit der Zukunft der zahlreichen Berliner Großkirchen beschäftigten. Eine sogenannte "Große gemeinsame Kommission" für Kirchenbau und Kirchenumnutzung organisierte und begleitete diese Gespräche.

Auf Initiative des damaligen brandenburgischen Kulturministers Hinrich Enderlein folgte 1995 ein "Brandenburgisches Gespräch", bei dem Landeskirche, Landesregierung und Denkmalpflege ausgiebig über Perspektiven der Bewahrung der Kirchenbauten im Land diskutierten. Leider blieb dieses "Brandenburgische Gespräch" einmalig. Vermutlich war damals der Druck der anstehenden Notsicherungs- und Instandsetzungsarbeiten zu groß, um nebenbei noch zu theoretisieren. Das ist nun zwanzig Jahre her; und die Situation hat sich seitdem grundlegend gewandelt. Trotzdem müssen wir uns auch heute noch um unsere Kirchengebäude Sorgen machen. Grund dafür ist immer seltener der Bauzustand, sondern die durch den demographischen Wandel und die fortschreitende Säkularisierung unserer Gesellschaft verursachte Tatsache, dass immer mehr Kirchen durch fehlende oder rückläufige Nutzung gefährdet sind. Für den Umgang damit sollten langfristige Konzepte gefunden werden, was nach zwei Jahrzehnten Pause sicher neue "Brandenburgische Gespräche" und meiner Meinung nach auch die Schaffung einer "Großen gemeinsamen Kommission" aus Kirche, Politik, Denkmalpflege und bürgerschaftlichem Engagement rechtfertigen würde. Ziel dieser Gespräche und dieses Prozesses sollte ein von allen Partnern getragenes Konzept zum Umgang mit ungenutzten Sakralbauten sein.

Zurzeit ist es noch möglich, gemeinsam an Konzepten zu arbeiten; wenn - wie mit Sicherheit zu erwarten - die Zahl der ungenutzten Kirchen zunimmt, wird es nur noch hektische Einzelfallentscheidungen geben.

2 Beispiele für umgenutzte Kirchen:

Folie 14 - Dorfkirche Tornow

Folie 15 - Dorfkirche Saaringen

Sehr geehrte Damen und Herren,

bei einer rein betriebswirtschaftlichen Betrachtung müssten vermutlich mehr als die Hälfte der Kirchengebäude als "Abschreibungsmasse" stillgelegt, abgebrochen oder verkauft werden. Ich zitiere hier zum wiederholten Male - und immer wieder mit Vergnügen - den Vorstandssprecher der katholischen Bank des Bistums Essen: "Der Wert eine Kirche bemisst sich nach dem Grundstückswert minus Abrisskosten." Ganz so einfach ist es aber anscheinend doch nicht. Kirchengebäude sind - marktwirtschaftlich gesehen - nutzlose Räume. Und das sollte uns nicht stören. Im Gegenteil: Wir sollten stolz darauf sein, dass es in fast jedem Gemeinwesen einen letzten Ort gibt, der sich den Zwängen des reinen Kosten-Nutzen-Denkens entzieht.

Aufgegebene Kirchengebäude sind Zeichen der Resignation nicht nur des christlichen Glaubens, sondern unserer Tradition, unserer Kultur und Identität.

Ich möchte zum Abschluss noch einmal Wolfgang Kil zitieren, der uns rät, "das Erhalten, Pflegen und Weiternutzen von Denkmalen [zu] begreifen als praktische Kritik an den waltenden Verhältnissen unserer Gesellschaft: Also das Denkmal als retardierendes Moment im Taumel der allgemeinen Beschleunigung. Als Widerhaken in den Prozessen allumfassender Monetarisierung. Als Stolperstein auf den glatten Bahnen grenzenloser Expansion. Kurz: als Sand im Getriebe hemmungsloser Wachstumsideologie".

Folie 16 - Neues Gemeindemitglied

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!

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