Bernd Janowski

Der demographische Wandel und die Zukunft unserer Dorfkirchen

20 Jahre Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg e.V.

Bernd Janowski ist Geschäftsführer des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg e.V.

Über Jahrhunderte hinweg waren die brandenburgischen Dörfer halbwegs autark. Wer im Dorf wohnte, konnte hier sein Geld verdienen und es vor Ort auch wieder ausgeben. Die Landwirtschaft spielte die dominierende Rolle und bestimmte den Tagesablauf der Bewohner. Heute sind Schulen und Arztpraxen, Dorfläden und Kneipen, Postämter und Sparkassenfilialen weitgehend geschlossen, das Versorgungsnetz wird immer grobmaschiger. In einem überwiegend agrarisch geprägten Flächenland wie Brandenburg sind seit 1990 mehr als 90 Prozent der Arbeitsplätze in der Landwirtschaft weggefallen. Durch die großflächige Abwanderung der Jugend bluten die ländlichen Regionen in ihrem Gesellschaftsgefüge aus.

Die demographischen, wirtschaftlichen und soziokulturellen Schrumpfungsprozesse haben gravierende Auswirkungen auch auf die Kirche und die Situation der Kirchengebäude. Gerade einmal vier Prozent der evangelischen Christen in ganz Deutschland besuchen im Durchschnitt den sonntäglichen Gottesdienst. Nur noch etwa zwanzig Prozent der Menschen in Brandenburg gehören einer Kirchengemeinde an. Im ländlichen Raum Brandenburgs ist die Zahl der Pfarrstellen inzwischen auf weniger als ein Viertel abgebaut worden. Durch Zusammenlegungen werden zunehmend größere Gemeinden geschaffen. Können wir uns in dieser Situation noch in jedem Dorf ein Kirchengebäude leisten? Oder sollten wir im Zeitalter der Globalisierung nicht auch hier in größeren Dimensionen denken, die Hälfte der Kirchen schließen und nur noch an Hauptorten eine geistliche Grundversorgung anbieten?

Bei der Betrachtung der heutigen schwierigen Situation wird gern an die gute alte Zeit erinnert. Die Menschen waren fromm, die Kirchen voll und das allabendliche Glockenläuten gab die Gewissheit, dass im Dorf alles seine gottgewollte Ordnung hatte.

In seinem Buch "Erinnerungen aus dem Leben eines Landgeistlichen" schildert der spätere Generalsuperintendent und Seelsorger der königlichen Familie Carl Büchsel seinen Antrittsgottesdienst in Schönwerder (Uckermark) wie folgt: "Der Kirchhof war wüste, die Kirche unreinlich, und von der ganzen großen Gemeinde kamen vier Männer zum Gottesdienst, kein Kind und kein Weib. ... Nicht einmal die Neugierde hatte die Leute in die Kirche gebracht." Das klingt nicht unbedingt nach guter alter Zeit.

Etwa hundert Jahre später (1932) schreibt sein Nachfolger Otto Dibelius: "Zu Dutzenden stehen Pfarrhäuser leer und werden in absehbarer Zeit keinen Pfarrer mehr sehen. Das zieht das kirchliche Leben stark in Mitleidenschaft. Denn die kurmärkischen Landgemeinden sind es nicht gewohnt ... weite Wege zur Kirche zu machen. Auch ganz kleine Dörfer haben ihre eigene Kirche. " Dies wäre fast schon eine zutreffende Beschreibung der Gegenwart...

Im Unterschied zu anderen Regionen verfügt nahezu jedes Dorf in Brandenburg über ein eigenes Kirchengebäude. Im Auftrag des Landesherren legten Lokatoren Siedlungen an, in denen bald darauf ein hölzernes Kirchengebäude errichtet wurde. Schon ein oder zwei Generationen später begannen die Siedler mit der Errichtung von massiven Kirchenbauten, zumeist aus den im Überfluss vorhandenen Feldsteinen kunstvoll geschichtet. Innerhalb weniger Jahrzehnte entstanden Hunderte von Kirchen, die zu einem großen Teil bis heute erhalten blieben. Von Beginn an waren neben den Pfarrstellen auch die Kirchengebäude mit Ackerland ausgestattet, aus dessen Wirtschaftserträgen der Unterhalt der Kirchenbauten zu bestreiten war.

Zu dieser Zeit waren die Kirchen in der Regel die einzigen massiven Gebäude aus Stein in den Dörfern. Bei bewaffneten Überfällen flüchteten sich die Einwohner in die Kirchen, nahmen ihre Wertsachen mit und trieben oft auch ihr Vieh in den Kirchenraum. Christliche Feierriten bestimmten das dörfliche Leben von Geburt und Taufe bis zur Trauermesse anlässlich der Beisetzung. Dies änderte sich auch nach der Reformation nicht grundlegend. Neben der lebendigen Gemeinde waren in den Kirchen auch die Verstorbenen immer präsent. Geistlichkeit und Adel ließen sich direkt in der Kirche beisetzen, dicht am Altar, denn das garantierte am jüngsten Tage einen guten Ausgangsplatz für die Auferstehung. Es gab Totenkronen für ledig Verstorbene und Gedenktafeln für die im Krieg Gefallenen. Die Beisetzungen fanden auf dem Kirchhof um das Kirchengebäude herum mitten im Dorf statt.

Kirchen waren immer auch politische, soziale und kulturelle Räume. Hier wurden Urkunden unterzeichnet, Handelsgeschäfte abgewickelt, wurde Recht gesprochen. In den Stadtkirchen fand die Ratswahl statt und wurden Ratssitzungen abgehalten. Auf den Dachböden der uckermärkischen Dorfkirchen wurden Tabakblätter, in der Lausitz Flachspflanzen getrocknet. An die Kirchentüren schlug man Bekanntmachungen aller Art an . Das Läuten der Kirchenglocken war in den Städten kein kirchlicher, sondern ein kommunaler Dienst.

Erst das 19. Jahrhundert brachte zwei einschneidende Änderungen: Die Trennung von Politik und Kirche hatte zum einen die ausschließliche Sakralisierung der Kirchengebäude zur Folge, die von nun an als reine Gottesdiensträume verstanden wurden. Zum anderen entstand im 19. Jahrhundert die institutionalisierte Denkmalpflege. Erstmals wurden Kirchen nicht mehr ausschließlich als religiöse Zweckbauten betrachtet, sondern zusätzlich zu "vaterländischen Altertümern" und damit quasi per Deklaration zu "Kulturorten" ernannt. Mit dieser doppelten Funktion – Verkündigungsort auf der einen, staatlich verordnetes Denkmal auf der anderen Seite – müssen die Kirchen seither leben.

In den letzten Jahren der DDR hatten die Kirchen noch einmal eine wichtige gesellschaftliche Funktion zu erfüllen. Unter ihrem Dach versammelten sich oppositionelle Kräfte, die schließlich das marode System zum Einsturz brachten.

1989/90 bot sich erstmals die Möglichkeit, flächendeckend den Bauzustand der etwa 1.400 Kirchengebäude in Brandenburg zu bilanzieren und damit zu beginnen, den drohenden Verlust zahlreicher kirchlicher Baudenkmäler zu verhindern. Bereits im Mai 1990 gründete sich zu diesem Zweck der Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg.

In den vergangenen zwanzig Jahren wurden zahlreiche marode Dachstühle repariert, Kirchendächer neu gedeckt, Fundamente trockengelegt und sogar längst aufgegebene Kriegs- und Nachkriegsruinen wieder aufgebaut. Über Jahrzehnte verstummte Orgeln wurden zum Klingen gebracht, Altäre und Taufengel restauriert und verlorene Glocken neu gegossen. Alles in allem stellt die kirchliche Bau- und Denkmalpflege in dieser Zeit eine beeindruckende Erfolgsgeschichte dar, an der viele Beteiligte mitwirkten. Allein der Förderkreis Alte Kirchen konnte seit 1990 mehr als 650.000 Euro für über 150 Projekte zur Verfügung stellen.

Einen entscheidenden Anteil an der hier skizzierten Erfolgsgeschichte haben die zahlreichen lokalen Fördervereine und Initiativen. In über 250 Orten des Landes Brandenburg engagieren sie sich dafür, dass ihre Kirche im Dorf bleibt und setzen sich, manchmal selbst gegen den Widerstand der Kirchenvertreter für den Erhalt ihrer Gotteshäuser ein.

Schon aus ihrem theologischen Grundverständnis heraus sind Kirchen öffentliche Räume. Der Förderkreis Alte Kirchen ist seit dem Jahr 2000 Träger des Projektes "Offene Kirchen" in Brandenburg, an dem sich mittlerweile etwa 900 Gemeinden beteiligen.

Über ihre eigentliche Bestimmung hinaus ist in unseren Kirchengebäuden vieles möglich. Die behutsame Nutzungserweiterung von Kirchen stellt eine riesengroße Chance dar, diese Gebäude für die Zukunft zu bewahren. Kulturelle Aktivitäten tragen dazu bei, die Kirchen auch in kleinen Orten wieder zu allgemeinen Kommunikationsorten werden zu lassen. Viele der ursprünglich als reine Kirchbauvereine gegründeten Initiativen erfüllen inzwischen in ihren Orten wichtige soziokulturelle Funktionen.

Das Angebot an Konzerten in Dorfkirchen ist in manchen Regionen inzwischen so groß, dass die Entscheidung für den Besuch einzelner Veranstaltungen schwer fällt. Seit mittlerweile acht Jahren führt – in Zusammenarbeit und Abstimmung mit dem Förderkreis Alte Kirchen – eine Berliner Theatergruppe die Veranstaltungsreihe "Theater in Kirchen" durch. Gemeinsam mit dem Landesmusikschulverband veranstaltet der Förderkreis Alte Kirchen seit drei Jahren das Projekt "Musikschulen öffnen Kirchen". Die Einnahmen der Aufführungen und Konzerte kommen der Instandsetzung der bespielten Kirchengebäude zugute. In vielen Kirchen werden Ausstellungen von Künstlern sowie zu Themen wie Orts- und Kirchengeschichte, Tourismus, Denkmal-, Natur und Landschaftschutz gezeigt. Es finden Lesungen, Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen, ja sogar "Kino in der Kirche" statt. Mit Unterstützung der Kulturstiftung des Bundes initiierte der Förderkreis Alte Kirchen das Projekt "Kunst und Kultur in Brandenburgischen Dorfkirchen". Etwa dreißig dezentrale Kulturprojekte konnten in diesem Rahmen finanziell unterstützt werden. An einer Fortsetzung wird gearbeitet.

Bei allen Erfolgsmeldungen bleibt die Frage nach der Finanzierung des dauerhaften Bauunterhalts und der regelmäßig notwendigen Instandsetzungsarbeiten. Die kleinen Kirchengemeinden sind damit überfordert und die öffentlichen Kassen sind leer. Bei der Beantragung von Fördermitteln wird zunehmend eine Kosten-Nutzen-Rechnung erwartet: Wie viele neue Arbeitsplätze entstehen? Welche Folgeinvestitionen sind zu erwarten? Wie hoch ist der ökonomische Nutzen der Maßnahme? Der Begriff "Lebensqualität" gehört nicht zu den harten Standortfaktoren und gilt fördertechnisch als nicht relevant.

Kirchen sind – im ökonomischen Sinne – nutzlose Räume. Nutzlosigkeit aber ist in unserer materiell geprägten Gesellschaft nur schwer zu ertragen. Wir plädieren jedoch dafür, die ökonomische Nutzlosigkeit unserer Kirchengebäude nicht nur zu akzeptieren, sondern sie als bewusste Stärke zu empfinden.

Der protestantische Glaube braucht keine Gotteshäuser. Nach Martin Luther können Gebet und Gottesdienst ebenso "unter einem Strohdach wie in einem Saustall" geübt und vollzogen werden. Der Teufel fürchte sich vor solchem Stall viel mehr als vor "allen hohen, großen, schönen Kirchen, Türmen, Glocken, die irgend sein mögen, wo solches Gebet nicht drin wäre". Trotzdem sind Kirchen besondere Orte. Es ist eben doch ein Unterschied, ob der Gottesdienst in einem Kirchenraum gefeiert wird oder im heimischen Wohnzimmer, in dem zu Mittag gespeist, Fernsehen geschaut oder ein geselliger Abend veranstaltet wird. Für das Gemeinwesen ist das Kirchengebäude als Mittelpunkt unverzichtbar. Man stelle sich unsere Dörfer ohne Kirchen vor: Übrig bliebe eine Ansammlung von Häusern, verbunden lediglich durch die Kanalisation. Unsere wichtigste Aufgabe bleibt daher auch weiterhin, Hilfestellung bei der baulichen Erhaltung und Instandsetzung der Kirchengebäude zu geben sowie bei der Bewahrung und Restaurierung ihrer historischen Ausstattung. Mit den zahlreichen lokalen Fördervereinen wissen wir engagierte und kompetente Partner auf unserer Seite. Das landesweite Netzwerk der ehrenamtlichen "Kirchenretter" ist dabei durchaus noch ausbaubar.

Regelmäßig initiiert und unterstützt der Förderkreis die Gründung neuer Fördervereine. Mit dem seit 2002 jährlich ausgeschriebenen Wettbewerb "Startkapital für Kirchen-Fördervereine" erhalten neu gegründete Initiativen eine Anschubfinanzierung für ihre Arbeit. Durch einen Ausbau seiner Regionalbetreuung wird sich der Förderkreis noch stärker seiner Rolle als Mittler zwischen Fördervereinen, Kirchengemeinden und Kommunen, Dienststellen und Institutionen stellen.

Um die Tätigkeit des Förderkreises Alte Kirchen und das Problem der Bewahrung der Kirchengebäude auch für die Zukunft abzusichern, konnten wir– mit Unterstützung der Stiftung KiBa – eine eigene "Stiftung brandenburgische Dorfkirchen" ins Leben rufen, aus deren Erträgen bereits erste Maßnahmen unterstützt werden konnten.

Einen wichtigen Bestandteil unserer Arbeit wird in Zukunft die Förderung der kulturellen und soziokulturellen Nutzung der Dorfkirchen darstellen. Dabei wird es spannend bleiben, die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen auszuloten. Ohne ein breites öffentliches Interesse an den Kirchengebäuden und eine damit verbundene öffentliche Nutzung wird es uns allerdings nicht möglich sein, sie weiterhin flächendeckend zu erhalten. Vor langer Zeit galt die Kirche als "Mutter aller Künste". Inzwischen scheinen der Mutter die Kinder weitgehend weggelaufen zu sein. Es ist daher eine interessante Herausforderung, Kunst und Kirche wieder stärker zusammen zu bringen. Dieser Prozess wird neben Mut auch viel Sensibilität erfordern.

Die Umsetzung aller dieser Ziele ist nur möglich, wenn es uns gelingt, dafür eine breite Bürgerbewegung zu motivieren. Die Bewahrung unseres religiösen und kulturellen Erbes muss noch stärker als gesamtgesellschaftliche Aufgabe vermittelt werden. Die ländlichen Regionen Brandenburgs stehen in der Zukunft vor schwierigen Problemen. Trotz rückläufiger Steuereinnahmen, sinkender Einwohnerzahlen und einer alternden Bevölkerung müssen die Lebensqualität möglichst erhalten und die lebensnotwendige technische Infrastruktur gesichert bleiben sowie zusätzlich eine kulturelle Grundversorgung gewährleistet sein. Die zahlreichen Kirchen-Fördervereine sind in den Dörfern dabei ein wichtiger Motor.

Der 26. Evangelische Kirchbautag veröffentlichte als Schlusserklärung die sogenannten "Dortmunder Denkanstöße" Diese enden mit dem Satz: "Wir haben nicht zu viele Kirchen. Wir haben zu wenig Ideen." Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Der Förderkreis Alte Kirchen wird sich auch weiterhin bemühen, neue Ideen für die Erhaltung und Nutzung der brandenburgischen Kirchengebäude zu entwickeln.

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