Der Reformprozess in der EKBO und die Zukunft unserer Dorfkirchen

Neujahrsvortrag des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg e.V. am 28. Januar 2010 in der Matthäus-Kirche am Kulturforum von Konsistorialpräsident Ulrich Seelemann

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Schwestern und Brüder,

es ist mir eine Freude, zu diesem Thema hier in der Matthäuskirche sprechen zu können. Die Arbeit des Förderkreises habe ich seit meinem Amtsantritt vor fast 5 Jahren mit viel Sympathie begleitet und als wertvolle Unterstützung auch der Landeskirche zu schätzen gelernt. Außerdem freue ich mich als Kurator der Stiftung St. Matthäus, der Kulturstiftung der EKBO, die in dieser Kirche zu Hause ist und sich vor allem dem Dialog der Kirche mit zeitgenössischer Kunst verpflichtet weiß, Sie zu diesem Thema gerade hier in der St. Matthäuskirche begrüßen zu können.

Ziel der Stiftung St. Matthäus ist es auch, dafür Sorge zu tragen, dass die biblische Botschaft auch heute noch Gegenstand und Objekt der Kunst ist, oder umgekehrt, dass auch das wichtige Verkündigungsmedium "Kunst" weiter lebt und nicht nur ein Phänomen der Vergangenheit wird.

Dorfkirchen und zeitgenössische Kunst – vielleicht wäre auch das einmal ein Thema, das es lohnt, gemeinsam bedacht zu werden. Der Direktor der Stiftung, Pfarrer Neubert, und der Vorstand des Förderkreises sind darüber auch schon im Gespräch.

Aber nun zu den Reformprozessen und den Dorfkirchen. Struktur- und Reformprozesse gibt es inzwischen auch in der Kirche fast überall, so etwa auf der EKD-Ebene mit dem Papier "Kirche der Freiheit", bei uns in der EKBO mit dem Perspektivprogramm "Salz der Erde". Ein Problem der Ergebnisse solcher Prozesse ist, dass sie häufig – aus schlechter Erfahrung aus anderen Bereichen – mit großer Skepsis und aus einem bestimmten Blickwinkel hinsichtlich der sprachlichen Aussagen betrachtet werden. So wie wir Berliner gelernt und erfahren haben, dass "Optimierung" eigentlich nichts anderes als "Einsparen um jeden Preis" bedeutet, wie wir es gerade schmerzhaft bei der S-Bahn erleben, und "Umstrukturierung" oder "Reorganisation" nichts anderes als "Arbeitsplatzabbau", so werden solche Aussagen in kirchlichen Perspektivpapieren wie "Schwerpunktbildung" oder "Konzentration" oder "Leuchttürme" als "Rückzug aus der Fläche", "Abbau des Angebots", "Stellenreduzierung" oder – von anderer Seite her betrachtet – "weitere Arbeitsverdichtung" verdächtigt.

So ist es mir vielfach geschehen, wenn ich in Gemeinden oder Pfarrkonventen speziell über das Kapitel "Gottesdienst" im Perspektivpapier der EKBO "Salz der Erde" gesprochen habe. Und dies ist auch die Befürchtung Vieler hinsichtlich der Auswirkungen auf die Dorfkirchen: weitere Konzentration, Verringerung der Pfarrstellen und damit Aufgabe von Kirchen, speziell in der Fläche.

Sieht man näher hin, so merkt man allerdings, dass speziell das Perspektivpapier "Salz der Erde" gerade kein Strukturpapier ist, also keine Aussagen über heutige und künftige Zahlen von Stellen, Kirchengebäuden usw. trifft, sondern die Zukunft der Kirche zunächst allein über Inhalte angeht.

Und dabei macht das Papier auch deutlich, dass es nicht das Rad neu erfindet und ab Erscheinen alles neu macht, sondern dass es auf Vorhandenem aufbaut, Stärken und Schwächen benennt und daraus Wege in die Zukunft entwickelt bzw. weiter führt.

Was diese inhaltlichen Impulse des Strukturpapiers für die zukünftige Gestaltung gottesdienstlichen Lebens für die Dorfkirchen bedeutet, soll Gegenstand meines Vortrags sein.

Doch zunächst ein paar Zahlen, die auch den Umfang und die Schwerpunkte des hier zu behandelnden Komplexes deutlich machen: Von den gut 2000 Kirchen in unserer Landeskirche sind ca. 1600 in Dörfern, also Dorfkirchen, von denen allerdings ca. 200 wegen ihrer Größe oder ihres Baustils nicht der Typik "Dorfkirche" entsprechen. Von diesen Kirchen war im Jahre 1995 fast die Hälfte wegen des Bauzustandes im Bestand gefährdet, heute sind es nur noch ca. 200. Dies ist eine enorme Leistung und ein großer Erfolg, den wir neben den Förderprogrammen des Landes Brandenburg und den Leistungen des Landes aus dem Staat-Kirche-Vertrag auch in erheblichem Maße der Arbeit des Förderkreises zu verdanken haben.

Im gleichen Zeitraum sind weniger als 20 Kirchen aufgegeben worden, also endgültig außer Betrieb genommen und gesperrt oder veräußert worden, wobei die Zahl der Veräußerungen im einstelligen Bereich liegt. Gleichzeitig wurden wesentlich mehr sanierte oder wieder aufgebaute ganz vereinzelt auch neu gebaute Kirchen (wieder) ihrer Bestimmung übergeben. Und sieht man sich bei einer Fahrt durch das Land die Kirchen an, so wird man feststellen müssen, dass es natürlich hier immer noch erhebliche Probleme und Sanierungslasten gibt, auf der anderen Seite aber zu keinem Zeitpunkt in der Vergangenheit – auch in früheren Jahrhunderten - im Gebiet unserer Kirche gleichzeitig so viele gut sanierte und frisch renovierte Kirchen existierten.

Doch trotz dieser Entwicklung ist es – und damit komme ich zurück auf den inhaltlichen Ansatz des "Salz der Erde" – wichtig, sich Gedanken zu machen, wie es in der Zukunft mit diesen Dorfkirchen weiter gehen soll, welche Rolle sie im Leben der Menschen spielen werden, wie sie inhaltlich gefüllt sein werden.

Dafür sollten wir auch das Umfeld betrachten, die Menschen in den Dörfern, für die die Kirchen ja in erster Line da sein sollen. Auch wenn die Einwohnerentwicklung des Landes Brandenburg insgesamt in den letzten Jahren einigermaßen stabil war, bedeutet das nicht, dass wir in Bezug auf die Dorfkirchen hier von stabilen Einwohnerzahlen ausgehen können. Diese Stabilität rührt nämlich nur daher, dass der Bevölkerungsaufwuchs im so genannten inneren Verflechtungsraum, auch "Speckgürtel" genannt, die Bevölkerungsverluste in der Fläche – "äußerer Entwicklungsraum" genannt – noch einigermaßen ausgeglichen hat. In der unmittelbaren Umgebung von Berlin gibt es durchaus Dörfer mit Kirchen, die jetzt durch Zuzüge eher zu klein geworden sind, weil die ehemaligen Dörfer sich zu Vorstadtsiedlungen entwickelt haben. Im weiteren ländlichen Raum aber – wo nun einmal die meisten Dorfkirchen stehen – sieht die Entwicklung anders aus. Schon jetzt hat das Land Brandenburg etwa in der Uckermark oder der Prignitz Landstriche, die nach den Kriterien der OECD als "unbesiedelt" gelten: weniger als 40 Einwohner auf den km². Dies wird sich aller Voraussicht nach durch die demographische Entwicklung in der Zukunft auch auf andere Landesteile ausweiten – wie etwa in Teile der Lausitz. Im Jahr 2030 wird dieser Zustand nach den Prognosen des Landes schon ¼ bis 1/3 der Fläche des Landes und damit eines großen Teils unseres Kirchengebiets erstrecken. Auch unsere sächsischen Gebiete in der schlesischen Oberlausitz sind nicht die Wachstumsgebiete Sachsens.

Das bedeutet – und ist jetzt schon an den Gemeindgliederzahlen deutlich abzulesen – dass in weiten Teilen unseres Kirchengebiets immer weniger Menschen und Gemeindeglieder wohnen werden und eine Gemeindestruktur, wie wir sie kennen und schätzen, mit einer Anzahl von Gemeindgliedern, die sich um einen Kirchturm scharen, immer weniger Realität sein wird.

Auch die Einwohnerstruktur der Dörfer mit ihren Dorfkirchen ändert sich schon jetzt erheblich. Der Wegzug aus den ländlichen Gebieten fällt bisher im Dorfbild nur wenig auf. Die meisten Häuser scheinen noch bewohnt und nicht verlassen. Aber sieht man genauer hin, so stellt man fest, dass häufig nur noch eine Generation in den Häusern wohnt, immer mehr diejenige, die schon im Ruhestand ist. Und viele Häuser in den Dörfern werden nur noch saisonal oder am Wochenende bewohnt. In den Dörfern sind also immer weniger Menschen, die dieses Dorf als ihren Lebensmittelpunkt haben, an dem sie wohnen, arbeiten, ihre Freizeit verbringen, dafür immer mehr, die nur sporadisch dorthin kommen, ihren Urlaub, ihre Freizeit, ihr Wochenende dort verbringen. Die Wirtschaftskraft, die Steuern bleiben dabei meist an den Erstwohnsitzen, in Berlin. Die ländliche Wirtschaft, auch und gerade der Einzelhandel hat davon oft wenig. Andererseits bringen diese Menschen nicht immer, aber durchaus oft auch interessante Impulse für das kirchliche Leben in ihren "Wochenenddörfern" mit, die allerdings auch nicht immer mit den Gewohnheiten und Bedürfnissen der ortsansässigen Gemeinde kompatibel sind. Hier stoßen oft Kulturen aufeinander, die äußerst unterschiedlich sind. Diesen Prozess für das Leben fruchtbar zu machen, ist eine wichtige Aufgabe – auch und gerade auch der Kirchengemeinden.

Dass mit der schwindenden Einwohnerentwicklung auch ein Schwinden der Finanzkraft der ländlichen Kirchengemeinden einhergeht – trotz des immer noch erheblichen und nicht nachlassenden Finanztransfers aus den reicheren, enger besiedelten Gemeinden im städtischen, vor allem Berliner Bereich in die ländlichen Gegenden unserer Kirche durch die Mechanik des Finanzgesetzes – ist leicht nachzuvollziehen. Dass dies auch dazu führt, dass im Verhältnis zur Fläche zumindest der Einsatz hauptamtlicher Mitarbeitender auch abnehmen muss, ist zwangsläufige Folge.

So weit die äußeren Rahmenbedingungen für die Kirche im ländlichen Raum und damit auch für die meisten unserer Dorfkirchen. Dass dies hohe Herausforderungen an alle Beteiligten stellt, liegt auf der Hand. Diese Entwicklung kann man nicht einfach tatenlos beobachten, hier ist Handeln und Umdenken erforderlich, um den vorgegebenen Auftrag auch in Zukunft erfüllen zu können. Und genau da setzt das Perspektivpapier an.

Es beschäftigt sich – wie schon gesagt – mit Inhalten, mit kirchlichen Arbeitsfeldern, nicht mit Strukturen und Zahlen von zukünftigen Gemeinden, Kirchen und Pfarrstellen. Das Perspektivprogramm versucht, Wege aufzuzeigen, wie Gottesdienste so gestaltet werden können, dass die Besucher und Mitfeiernden sich aufgehoben fühlen und wieder kommen. Dabei muss einem Missverständnis deutlich vorgebeugt werden: entgegen vielen Befürchtungen und Behauptungen ist das Perspektivpapier keine Aufforderung, an die Pfarrerinnen und Pfarrer, noch mehr zu tun als bisher. Vielmehr geht die Stoßrichtung in allen Arbeitsfeldern eher dahin: "Macht nicht alles und immer mehr, aber was Ihr macht, das macht gut!".

Wenn in dem Papier von "Konzentration" die Rede ist (S. 27), heißt das nicht, nur in Städten noch Gottesdienste anzubieten, sondern dass Pfarrerinnen und Pfarrer in der Vorbereitung und Gestaltung von Gottesdiensten ihren Schwerpunkt sehen sollen und andere Tätigkeiten, für die eine theologische Ausbildung nicht nötig ist, getrost auch bleiben lassen können und insoweit ihre Gemeinden und insbesondre die Mitglieder der GKR in die Pflicht nehmen können. Das bedeutet aber auch, dass eine Bereitschaft vorhanden sein muss, Aufgaben auch abzugeben, loslassen und es aushalten zu können, dass der oder die ehrenamtliche GKR-Vorsitzende es vielleicht anders macht, als es der Pfarrer oder die Pfarrerin gemacht hätte.

Und weiter beschäftigt sich dieses Kapitel des Perspektivpapiers auch mit der Frage, wie eine Pfarrerin oder ein Pfarrer auch ohne zusätzlichen Aufwand unter Nutzung von Hilfsmitteln bei der Gottesdienstgestaltung gute Qualität sichern kann.

Einige der Vorschläge des Perspektivpapiers können auch gerade neues Leben für sonst eher am Rande liegende Dorfkirchen bedeuten: Amtshandlungen und Anlassbezogene Gottesdienste können auch auf dem Lande eine Chance sein, Menschen in Kirchen zu holen, in denen keine regelmäßigen Sonntagsgottesdienste mehr stattfinden können.

Das Perspektivpapier selbst ist damit also weder eine Aufforderung, weniger Gottesdienste in weniger Kirchen zu feiern, noch ein Programm, immer mehr Gottesdienste zu feiern. Vielmehr zeigt es – auch mit der in der Einladung zitierten Stelle – Wege auf, wie mit den vorhandenen Ressourcen in einer guten, nachhaltigen Haushalterschaft viel erreicht werden kann.

Was heißt das nun für unsere Dorfkirchen? Mit den aufgezeigten Entwicklungen im Perspektivpapier ist noch keine Dorfkirche abgeschafft, im Bestand angefragt oder gerettet. Dennoch stellen die Aussagen des Papiers aus meiner Sicht eher eine Förderung der Zukunft unserer Dorfkirchen als deren Infragestellung dar.

Wie vor dem Hintergrund der Aussagen des Perspektivpapiers die Zukunft der Dorfkirchen gerade auch als Kirchen unter den genannten schwierigen Rahmenbedingungen aussehen kann, will ich jetzt versuchen, aufzuzeigen:

Über die Bedeutung unserer Kirchen ist auch im Perspektivpapier Einiges gesagt, u. a. der auch in der Einladung zitierte Abschnitt: "Mit den Kirchengebäuden besitzen die Gemeinden Räume, die durch eine besondere Aura ausgezeichnet sind. Weil in ihnen der Glaube lange Zeit hin Gestalt gewonnen hat, predigen sie mit und können die Dramaturgie des Gottesdienstaufbaus unterstreichen. Deshalb ist die sorgfältige Pflege dieser Räume besonders wichtig."

In diesen Sätzen steckt viel über die Sicht und Bedeutung der Kirchengebäude, auch der Dorfkirchen aus der Sicht des Perspektivprozesses: Auch die Dorfkirchen und deren Pflege und Unterhaltung sind Teil der Erfüllung des Verkündigungsauftrags der Kirche. Sie sind damit im wahrsten Sinne des Wortes "Zweckbauten" zur Erfüllung einer kirchlichen Aufgabe. Wenn es also um die Frage geht, mit welcher Priorität man sie erhalten will, kommt es dabei auf die Frage an, in welchem Ausmaß sie ihren Zweck erfüllen – oder genauer, in welchem Ausmaß wir mit Ihnen unseren Auftrag erfüllen können, nicht so sehr also darum, ob sie als Architekturdenkmal größere oder geringere Bedeutung haben.

Es gibt einen wunderschönen Bildband über Kirchbau in Hamburg mit dem Namen: "Wenn Steine predigen". Dieser Name sagt viel: Die Kirchen sind uns wichtig, weil und so lange sie predigen, uns bei dem Auftrag, das Evangelium unter die Menschen zu bringen, unterstützen. Dies gilt nicht nur für die große Stadt, sondern in besonderem Maße gerade auch für die ländlichen Regionen mit ihren Dorfkirchen. Gerade dort, wo nicht mehr häufig und regelmäßig Gottesdienste gefeiert werden können, sind liebevoll gepflegte Kirchen mitten im Dorf, vielleicht auch noch mit einem Friedhof unmittelbar dabei, die einzigen Zeichen und Prediger der Botschaft von Kreuz und Auferstehung, der letzte Hinweis dafür, dass es neben den alltäglichen Fragen des Lebens auch noch eine andere, unser Leben entscheidend mitbestimmende Dimension gibt.

Damit haben die Dorfkirchen neben "Beherbergung" der feiernden Gemeinde auch noch eine wesentliche andere Funktion, nämlich eine eigenständige "Verkündigungsfunktion" gerade auch dort, wo nicht (mehr) regelmäßig Gottesdienst gefeiert wird, bzw. dann, wenn gerade nicht Gottesdienst gefeiert wird.

Und insgesamt ist es auch eine Forderung der Perspektivprozesse, mit allen zur Verfügung stehenden Medien den Verkündigungsauftrag zu erfüllen. Eine für sich und die in ihr liegende Botschaft sprechende Kirche ist ein solches Medium.

Damit wird eins deutlich: auch wenn durch Schwund der Bevölkerung und der Gemeindeglieder und der daraus entstehenden Folgen nicht mehr in allen Kirchen regelmäßig in der gewohnten Frequenz Gottesdienste gefeiert werden können, kann mit den Kirchengebäuden noch für die verbliebenen Einwohner ein Verkündigungsauftrag wahrgenommen werden, wenn die Kirchen noch eine entsprechende Ausstrahlung haben, noch selbst in Stein gehauene Predigten sind.

Und damit sind wir bei einem wesentlichen Punkt für die Zukunft der Dorfkirchen. Nach meiner festen Überzeugung hat es nur dann für uns als Kirche Sinn, die Dorfkirchen zu erhalten und zu pflegen, wenn sie auch die beschriebenen Funktionen erfüllen können und erfüllen. Die Kirche im Dorf ist nicht Selbstzweck und nicht Dorfverschönerung, auch nicht in erster Linie Baudenkmal, sondern sie dient einem Zweck, nämlich der Predigt, der Erinnerung an die Dimension und die Botschaft von Kreuz und Auferstehung. Diesen Zweck zu erhalten, diese Besonderheit, in dem Papier auch als "Aura" bezeichnet, die besondere Ausstrahlung zu bewahren, das ist Aufgabe einer sinnvollen Arbeit zur Kirchenerhaltung.

Was ist dafür zu tun? Dass bei einer Instandsetzung die prägenden baulichen Besonderheiten beachtet und bewahrt werden, versteht sich eigentlich von selbst, darauf achtet schon die Denkmalpflege. Aber bei der Besonderheit zur Bewahrung der nachhaltigen Ausstrahlung, der "Aura" einer Kirche geht es nicht so sehr und in erster Linie um die äußere Hülle. Entscheidend ist vielmehr der Inhalt, einmal schon etwas die Ausstattung, vor allem aber das, was in dem Raum stattfindet, wofür er da ist, wie ein Gebäude dieser Art angesehen wird.

Kirchengebäude haben auch für Nicht-Insider nur so lange eine besondere Ausstrahlung, sind nur so lange steinerne Predigt, wie sie in ihren äußeren Formen als typische Gebäude, als Gotteshäuser wahrgenommen werden. Das heißt, dass eine Um- oder Fremdnutzung in nennenswertem Umfang auf Dauer die Aussagekraft von Kirchen allgemein gefährden kann. Ich möchte jedenfalls, dass mein Enkel, wenn er ein für uns heute noch typisch sakrales Gebäude sieht, auch wenn er größer ist, sagt: das ist eine Kirche, und nicht: das könnte ein Turnhalle, ein Fitnesstudio, eine Gaststätte, ein Ausstellungsgebäude oder eine Kassenhalle sein. Diese Gefahr wäre da, wenn eben nicht mehr selbstverständlich ist, dass ein Gebäude mit entsprechenden Formen auch als Kirche genutzt wird, Kirche ist, sondern das Baudenkmal im Vordergrund jede beliebige Nutzung im Inneren zulässt – und diese auch von einem Besucher erwartet werden muss. In England und in den Niederlanden gibt es da schon viele Beispiele. Ich bin überzeugt, dass diese auf Dauer die Aussagekraft von Kirchengebäuden nachhaltig schädigen, weil von der äußeren Gestalt dann nicht mehr eindeutig auf den bezweckten Inhalt geschlossen werden kann und damit auf den Hinweis auf andere Dimension auch des menschlichen Lebens. Es besteht also um der Bedeutung der Kirchen Willen ein großes Interesse daran, Kirche Kirche sein zu lassen und dadurch die Aussagekraft dieser Gebäude, ihre Sonderstellung gegenüber anderen Zeugnissen der Baukunst, zu wahren, ihre Erkennbarkeit und eindeutige Identifikation auch für zukünftige Generationen zu erhalten.

Das bedeutet also, dass Investitionen in unsere Dorfkirchen aus unseren begrenzten, ja zurückgehenden Ressourcen – nicht nur finanzielle, sondern auch in der Mitarbeiterschaft für die Begleitung und Überwachung solcher Vorhaben – dann im Sinne einer zweckentsprechenden Mittelverwendung als Ausdruck guter, verantwortlicher Haushalterschaft auch mit Vorrang vertretbar sind, wenn damit Kirchen als Kirchen erhalten werden, als wahrnehmbare steinerne Predigt des Evangeliums und der Dimension Gottes Seins.

Wie aber kann man eine Kirche erhalten, dass sie auch eindeutig als solche erkennbar bleibt? Unproblematisch ist das dann, wenn es sich um einen Kirche handelt, in der jeden Sonntag noch ein Gottesdienst vom Pfarrer abgehalten und von der Gemeinde gefeiert wird. Aber das ist ja gerade das Problem: Durch die Veränderung in der Bevölkerung, den Leerzug ganzer Landstriche und die damit verbundene Veränderung der Wirtschaftskraft der Gemeinden und Kirchenkreise in diesen Gebieten wird das in Zukunft eher weniger möglich sein als heute. Und wie wir aus dem Perspektivprogramm entnehmen können, bringt es für die Ausstrahlung unserer Gottesdienste und dann auch der Kirchen nichts, wenn unsere Pfarrer durchs Land hetzen, um – atemlos geworden – noch ein paar Gottesdienste mehr halten – in Dörfern, in denen zwar prozentual ein guter Gottesdienstbesuch stattfindet, trotzdem aber nicht mehr als ein Hand voll Menschen sich versammelt.

Dennoch können Kirchen in solchen Dörfern mit nur noch wenigen Menschen so als Kirchen erhalten und genutzt werden und so ihre Ausstrahlung, ihre Funktion als Erinnerung an die Botschaft, für die sie gebaut sind, bewahrt werden.

Dies fängt schon beim Äußeren an: Ein – wenn auch kleiner – Schaukasten mit dem Namen der Kirche und der Gemeinde macht auch dem eiligen Besucher und Betrachter deutlich, dass es nicht ein aufgegebener Steinhaufen ist, sondern eine christliche Kirche. Wichtig ist auch, dass zu lesen ist, in welcher Kirche in der Umgebung der nächste Gottesdienst stattfindet, wo die zuständige Pfarrerin, der zuständige Pfarrer erreichbar ist, auch wenn sie/er nicht mehr regelmäßig in dieser Kirche predigt. Auch andere Nachrichten aus der Kirchengemeinde – sei sie noch so groß und ihr zentraler Sitz noch so weit – zeigen deutlich, dass es hier nicht um eine Ruine, ein aufgegebenes Gebäude handelt, sondern um eine Kirche, geliebter und gepflegter Ort einer zwar weit verstreuten, aber lebendigen Gemeinde.

Sehr positiv für die Erkennbarkeit und Ausstrahlung einer solchen Kirche ist es immer, wenn nicht alle Türen immer nur verschlossen sind. Auf Möglichkeiten, Chancen und Risiken einer Kirchenöffnung komme ich noch bei der inhaltlichen Füllung solcher Kirchen, in denen nicht mehr regelmäßige Sonntagsgottesdienst gefeiert werden können, zurück.

Aber auch, wenn man eine Kirche nicht regelmäßig ganz geöffnet lassen kann oder möchte, gibt es z.B. die Möglichkeit, eine Eingangstür geöffnet zu lassen und ein Stück dahinter dann mit einer Glas- oder Gittertür das Innere des Gebäudes zu schützen. So kann die Besucherin oder der Besucher, ob er oder sie gezielt oder zufällig vorbeigekommen ist, auch den Innenraum mit seiner prägender Ausstattung zumindest erahnen und ein Stück erleben, hat die Chance und Möglichkeit, sich mit seinen Sorgen dem Altar als Ort, wo wir Gottes Gegenwart feiern, zuzuwenden. So eine Symbolik kann sehr hilfreich sein, gerade wenn man keinen ständigen Gesprächsfaden hat, einem das Beten schwer fällt. Damit könnte auch eine sonst kaum noch genutzte Kirche (wieder) zu einem Ort des Gebets werden, wie in früheren Zeiten eine Wegkapelle in der Landschaft.

Für die Innenausstattung einer Kirche bedeutet das, dass sie auch – oder gerade – dann, wenn in ihr nicht mehr regelmäßig Gottesdienste gefeiert werden, so aussehen sollte, als könnte jederzeit dort ein Gottesdienst gefeiert werden: also der Altar nicht etwa verhängt, eine aufgeschlagene Bibel darauf und Leuchter mit Kerzen. Von Zeit zu Zeit ein frischer Blumenstrauß wirkt dabei Wunder, zu zeigen, dass das lebendige Wort Gottes auch aus dieser Kirche noch nicht ausgezogen ist. Gerade die dadurch eindeutig erkennbare gottesdienstliche Bestimmung überträgt sich auf die innere Ausstrahlung der Kirche und damit auf das Erleben der Besucherinnen und Besucher.

Aber – so werden viele zu Recht sagen – so ein Gebäude mitten im Dorf in zentraler Lage kann doch nicht nur erhalten werden, um leer zu stehen, auch wenn man hineinsehen und die besondere Atmosphäre schnuppern kann. Damit muss man doch noch mehr anfangen können. Das ist vollkommen richtig. Denn die Ausstrahlung, die im "Salz der Erde" so genannte Aura, lebt auch davon, dass ein Gebäude genutzt wird, von Menschen unter einer Idee gefüllt wird.

Dazu ist zunächst zu sagen, dass auch eine Kirche eine Vielzahl verschiedener Nutzungen verträgt, ja, durchaus durch solche auch nicht-gottesdienstliche Nutzungen auch an Ausstrahlung gewinnen kann. Dabei sind grundsätzlich alle solche Nutzungen denkbar, die unter dem Kreuz möglich sind, die sich mit dem besonderen Widmungszweck der Kirche vertragen. Wichtig ist dabei, dass die die Ausstrahlung prägende Ausstattung dabei als förderlich und nicht als widerständig empfunden wird. Alle denkbaren Nutzungen sind Nutzungen einer gewidmeten Kirche, und das darf und muss deutlich werden. Hat man hingegen den Eindruck, dass es besser wäre, das Kreuz abzunehmen oder den Altar zu verhängen, ist diese Nutzung eher unverträglich. Auch in früheren Jahrhunderten war die Kirche oft der einzige Versammlungsraum des Dorfes. Kirchengemeinde und Bürgergemeinde waren praktisch identisch, die Kirche war damit selbstverständlich auch der Versammlungsort der Bevölkerung, auch, wenn es galt, weltliche Themen des gemeinsamen Zusammenlebens in der Dorfgemeinde zu erörtern. Was sonst alles an Inhalten und Mitnutzungen in Kirchen mit ihrem Charakter vereinbar und damit auch nicht nur vertretbar ist, sondern auch durchaus für die Bedeutung der Kirche förderlich sein kann, ist für sich ein abendfüllendes Thema. Ich verweise insoweit auf unsere – inzwischen auch in vielen anderen Landeskirchen verbreitete - Broschüre "Gottes Häuser für die Menschen".

Auch wenn die Kirche nicht mehr regelmäßig für Gottesdienste genutzt wird, ist sie noch Kirche. Daher sollte immer deutlich werden, dass die andere Nutzung in einer Kirche und damit bei der Kirchengemeinde zu Gast ist. Je deutlicher das wird, umso mehr kann auch das Gebäude seine Funktion der Erinnerung an die biblische Botschaft erfüllen. Dies wird dadurch deutlich, dass auch bei fremder Veranstaltung das, was die besondere Prägung des Gebäudes ausmacht, sichtbar ist und bleibt, also der Altar nicht verdeckt wird, die Leuchter und die aufgeschlagene Bibel selbstverständlich an ihren angestammten Plätzen liegen bleiben usw.. Ein wichtiges Zeichen aber ist auch, dass die Besucher einer anderen Veranstaltung oder Nutzung ganz selbstverständlich zu Beginn von einem Gemeindeglied – es muss nicht immer der Pfarrer sein – als Gäste in der Kirche begrüßt werden. Möchte sich der Veranstalter als Gast darauf nicht einlassen oder findet er dies unpassend, so dürfte diese Veranstaltung in der Kirche unpassend sein, dem Zweck der Kirche nicht dienlich.

So weit zu den Nutzungsmöglichkeiten von Kirchen, in denen nicht mehr regelmäßig Gottesdienste gefeiert werden können, die dennoch als Kirchen erkennbar bleiben sollen. Dies lässt sich aber auch noch durch eigene Inhalte, eigene Veranstaltungen ergänzen, für die auch keine – nicht mehr überall finanzierbare – hauptamtlich berufliche Kräfte erforderlich sind. Eine Kirche, die zum Besuch und zum stillen Gebet geöffnet ist und auch genutzt wird, erfüllt ihre "Predigtfunktion" in besonderem Maße. Durch sie haben zufällig Vorüberkommende oder gezielt sie Aufsuchende die Chance, Gottes Nähe erfahren, sein Wort spüren zu können, sich von der Botschaft von Kreuz und Auferstehung berühren zu lassen. Ich bin sehr froh, dass eine immer größere Zahl von Gemeinden diese Chance ergreift und ihre Kirchen zu festen Zeiten geöffnet hält. Das vom Förderkreis regelmäßig herausgegebene Heft ist hierfür ein guter Wegweiser. Die Erfahrungen der meisten Gemeinden zeigen, dass hier die Chancen, durch unsere sehr schönen und aussagekräftigen Dorfkirchen Menschen mit der biblischen Botschaft zu erreichen, größer als die Risiken sind. Auch ohne ständige Bewachung gibt es aus den Dorfkirchen wenige Meldungen von Diebstahl oder Vandalismus. Tipps zur Sicherung etwa beweglicher Ausstattungs- und Kunstgegenstände oder dazu, was man getrost in der Kirche stehen lassen und was man lieber nicht liegenlassen sollte, können im Bedarfsfall andere Gemeinden oder auch das kirchliche Bauamt oder der Kunstbeauftragte geben. Dadurch lassen sich bestehende Risiken noch minimieren. Der manchmal gewählte Weg eines Schildes, dass der Schlüssel bei Familie XY in der Nähe erhältlich sei, ist zwar auch eine Lösung, stellt aber schon eine gewisse Hürde für spontane Besucherinnen und Besucher dar.

Schön ist es wenn auch in solchen Kirchen thematische Angebote vorzufinden sind, etwa durch Gebetskarten o.ä.. Auch die Möglichkeit, ein Gesangbuch aufzuschlagen mit den vielen Psalmen und Gebeten zum Nachlesen oder sich erinnern kann dabei hilfreich sein. Weiter hat es sich als förderlich herausgestellt, wenn Gemeinden mit ihren Dorfkirchen vor allem bestimmte Zielgruppen besonders ansprechen wollen, die sich aus der besonderen Lage der Kirche ergeben, wie etwa mit den Radfahrerkirchen an den Radfernwegen. Hier kann auch eine gezielte Öffentlichkeitsarbeit, die zu einer Eintragung dieser "Themenkirchen" in Karten und spezifische "Reiseliteratur" führt, sehr verstärkend mit wirken. Dabei sollten die Gemeinden sich klar darüber sein, dass es bei den Besuchern nicht um Touristen geht, sondern um Menschen, die das Haus Gottes, seine Geschichte und Geschichten und seine Botschaft suchen und spüren möchten, auch wenn sie nicht aus der eigenen Gemeinde sind.

Und schließlich und nicht zuletzt möchte ich noch auf einen Vorschlag der Perspektivpapiere der EKBO und der EKD zurückkommen, Kirchen, in denen keine regelmäßigen Sonntagsgottesdienste mehr stattfinden können, auch für die vielleicht gerade nicht zu Kerngemeinde gehörenden Dorfbewohner, die Nachbarn, erkennbar zu machen als das Haus, in dem Gottes Wort wohnt und erlebbar ist. Im Perspektivpapier wird dies "Gottesdienstkerne" genannt, ich würde es vielleicht eher einfach "Gebetskreise" nennen. Für die Ausstrahlung der Gebäude gerade für die Nachbarn ist es wichtig, wenn regelmäßig eine ihrem Zweck entsprechende Nutzung stattfindet, die immer wieder an Ursache und Sinn der Errichtung und Unterhaltung des Gebäudes erinnert., bei allem, was man auch sonst noch in und mit dem Gebäude aufstellen kann, wie oben ausgeführt. Dabei geht es schlicht darum, dass einige wenige Menschen sich regelmäßig zu festen Zeiten in der Kirche treffen, jemand die Glocke läutet, die Kerzen anzünden und gemeinsam einen Psalm oder einen anderen biblischen Text lesen, ein Gebet sprechen. Dazu bedarf es keiner Ausbildung oder Übung als Lektor oder Prädikant, dies kann und darf jeder kraft seiner Taufe. Dies lässt Gottes Wort und Gegenwart in der Kirche erlebbar und Gemeinschaft unter seinem Wort spürbar werden und macht damit den Sinn und Zweck und die Botschaft des Kirchbaus ohne großen Aufwand deutlich. Gerade solche von anderen Dorfbewohnern einfach gestalteten Anlässe können auch für Außenstehende den Sinn der immer noch im Dorf stehenden Kirche und damit auch die Botschaft, die sie verkörpern, näher bringen. Solche Aktivitäten würden den anderen Dorfbewohnern gegenüber die Steine wieder zum Predigen bringen, die Identität und den Zweck der Dorfkirche wieder deutlich machen und damit die Dorfkirche auch sichern und erhalten.

Liebe Schwestern und Brüder, sie sehen daran, dass die Perspektivprozesse auch dort, wo sie um der Erkennbarkeit und der Qualität Willen eine Konzentration als erforderlich erscheinen lassen, nicht der Erhaltung und Nutzung von Dorfkirchen entgegenstehen. Eins aber sollten wir uns überlegen: wenn alle Bemühungen mit den genannten und anderen Mitteln, eine Dorfkirche als Kirche erlebbar zu halten oder wieder zu machen, nichts fruchten, oder eine Gemeinde aus welchen Gründen auch immer nicht die Kraft hat, zu erreichen, dass eine ihrer Kirchen als solche mit ihrer Botschaft gefüllt und erkennbar wird, so bin ich der Meinung, dass man sich dann auch getrost von diesem Gebäude verabschieden kann. In letzter Konsequenz muss dann auch ein Abbruch möglich sein, wenn keine Möglichkeit besteht, ohne Missbrauch oder Verfälschung der Aussage dieses Gebäudes und seiner Zweckbestimmung es als solches zu erhalten. Wir können uns dann damit trösten, dass nach unserem evangelischen Verständnis eine Kirche nur dadurch und so lange ein besonderer Ort ist, dass und wenn sich dort Gemeinde unter Gottes Wort trifft. Ist dies nicht mehr der Fall und trotz aller Mühe auch nicht mehr zu erreichen, gibt es an dem Erhalt dieser Kirche kein kirchliches Interesse mehr und es würde unserem Auftrag zur guten Haushalterschaft, der Zweckbindung kirchlicher Mittel, finanziell und personell mit Haupt- und Ehrenamtlichen widersprechen, sie zur Erhaltung dieses Gebäudes zu verwenden. Dass diese letzte Konsequenz aber ein seltener Ausnahmefall ist und sein wird, haben die Zahlen der bisherigen Entwicklung und die skizzierten vielen Chancen und Möglichkeiten zur Nutzung und Erhaltung einer Kirche als solcher gezeigt.

Ich danke Ihnen für Ihr geduldiges Zuhören.