Wolfgang Thierse

"Die Zukunft der Vergangenheit"
Schrumpfende Dörfer, schwindende Gemeinden – was geschieht mit den Kirchen?

Neujahrsvortrag am 16. Januar 2014 in der St. Matthäus-Kirche am Berliner Kulturforum

Vor einigen Jahren widmete sich die Kulturpolitische Gesellschaft auf ihrem Bundeskongress in einer Podiumsrunde dem Thema: "Das neue Interesse an der Vergangenheit".

Man empfand das damals offensichtlich als ein staunenswertes Faktum und das ist es wohl immer noch.

Es gibt viele Belege dafür. Ich erinnere an

Ich erinnere auch an die geschichtspolitischen Entscheidungen des deutschen Parlaments in den vergangenen Jahren:

All diesen politischen Entscheidungen war übrigens – und das ist wichtig – zivilgesellschaftliches Engagement vorausgegangen, sie waren durch öffentliche Debatten angestoßen/von ihnen begleitet.

Und damit – mit dem Stichwort "ziviles Engagement″ – bin ich bei einem letzten Beleg für das Interesse an der Vergangenheit:
Sie selbst, der Förderkreis Alte Kirchen und seine vielfältigen Aktivitäten in Dörfern und Städten, die von Bürgern getragenen Anstrengungen zum Denkmalschutz – sie sind ein staunenswertes Faktum und ein Beweis für das konstatierte Interesse an der Vergangenheit!

Die Vergangenheit hat also Konjunktur (das mag manchem lästig erscheinen). Die Vergangenheit hat starke, unübersehbare Gegenwart! Hat sie auch Zukunft?
Um diese Frage – über die Hoffnung hinaus (die wir gewiss alle hier haben) zu beantworten, muss man nach den tieferliegenden Gründen, nach den tieferliegenden Motiven für das Interesse an der Vergangenheit fragen.

Lassen Sie mich in groben Strichen einige Aspekte solcher Begründungszusammenhänge skizzieren und damit die emotionale, kulturelle, geistige Situation beschreiben, in die die Bemühungen um die alten Kirchen ziemlich gut passen, um deren Erhaltung, Öffnung, ihr neues Verständlichmachen.

Wir leben in Zeiten rasanten wirtschaftlichen, technischen, wissenschaftlichen Wandels, in Zeiten politischer, sozialer ideeller Verunsicherungen, in Zeiten kultureller und kommunikativer Beschleunigung und Entgrenzung – ″Globalisierung″ heißt das alles umfassende Schlagwort dafür. Das ehedem geradezu pathetisch geglaubte Modernisierungsparadogma ist in die Krise geraten, der Fortschrittsoptimismus nicht mehr ungebrochen.

Das alles mag ganz unterschiedlich intensiv, unterschiedlich bewusst erlebt werden: Aber es erzeugt doch, so jedenfalls meine Beobachtung, eine stärkere Herkunftsneugier, eine neue Beheimatungssehnsucht!

Die vielfache Erfahrung der Schmerzen des Wandels, die Anforderungen an individuelle Flexibilität und Disponibilität, an die Entwertung von Wissen und Erfahrung, das Näherrücken von Fremden und Fremdem und das Unsicherwerden des Eigenen, die Gegenwärtigkeit des kulturell Unterschiedlichen, stärker werdende Identätitsunsicherheiten …Ich breche die Aufzählung ab ..

All das erzeugt, meine ich, ein erneutes/sich immer wieder erneuerndes Vergewisserungsbedürfnisses, ein Bedürfnis nach Sicherheit. Und dabei geht es um mehr als soziale Sicherheit um die der Sozialstaat sich zu kümmern, für die er zu sorgen hat.
Es geht um menschliche Sicherheit – um Geborgenheiten also, um Zuordnungen zu Gemeinschaften und Verbindlichkeiten, um Beheimatungen …
Menschen suchen nach Orten und Zeiten der Entschleunigung, nach Möglichkeiten, ihr Vergewisserungsbedürfnis befriedigen zu können.
Diese Sicherheits- und Vergewisserungsbedürfnisse aber weisen weit über Politik hinaus!

Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft voller Widersprüche. Das sagt sich ganz leicht. Aber wir wissen und erleben Pluralismus als höchst anstrengend: Gemeint ist ja die konfliktreiche Pluralität von Überzeugungen, Weltbildern, Wahrheitsansprüchen, Wertorientierungen, Lebensweisen, sozialen Lagen, ethnischen Zugehörigkeiten, kulturellen Prägungen. Wie lässt sich diese Vielfalt in unserer Gesellschaft nicht nur ertragen, sondern aktiv leben – ohne Identitätsängste, ohne Ausgrenzungen, ohne Unterdrückung und erst recht ohne Gewalt?

Ohne Toleranz geht das gewiss nicht. Und die ist, wie viele Beispiele und Konflikte zeigen, wahrlich nicht selbstverständlich. Aber darüber hinaus stellt sich die Frage nach dem Verbindenden unserer widersprüchlichen, pluralistischen Gesellschaft immer wieder neu und drängend.

Zu diesem Verbindenden gehört gewiss und selbstverständlich die gemeinsame Sprache, ebenso die Anerkennung von Recht und Gesetz durch alle Bürger, auch der gerühmte Verfassungspatriotismus, ja auch der ist notwendig und angemessen. Die Gesellschaft verbindet sicher auch das soziale Beziehungsgeflecht, das wir als Arbeitskräfte und Konsumenten knüpfen.

Darüber hinaus aber bedarf es auch grundlegender Übereinstimmungen in dem, was wir Maßstäbe, Normen, Werte nennen. Es bedarf tendenziell gemeinsamer Vorstellungen

gemeinsamer Vorstellungen auch vom guten Leben, von der Würde des Menschen, von der Integrität der Person, von Toleranz.

Dieses – ethische – Fundament einer gelingenden pluralistischen Demokratie ist nicht ein für alle mal da, sondern muss immer wieder neu erarbeitet werden.
Von wem? Von uns allen. Die Verantwortung für das Fundament unserer Freiheit tragen alle kulturellen Kräfte einer Gesellschaft – und in besonderer Weise Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften und die Zivilgesellschaft insgesamt.

Und damit, so meine ich, sind wir im Raum der Kultur angekommen, im weiten und richtigen Sinn des Begriffs. Sie – die Kultur, speziell die Künste – schaffen Erfahrungsräume menschenverträglicher Ungleichzeitigkeit, in denen die Menschen jenseits ihrer Marktrollen als Produzenten und Konsumenten agieren und sich wahrnehmen können. Hier wird über Herkunft und Zukunft, über das Bedrängende und das Mögliche, über Sinn und Zwecke, über das Eigene und das Fremde reflektiert, kommuniziert, gespielt und gehandelt. Kultur ist eben mehr als normativer Konsens, als Verfassungspatriotismus, als individuelle Werteübereinstimmung, auch mehr als das Bewusstsein von der Kostbarkeit und der Gefährdung der Freiheit und der Menschenwürde. Das ist sie auch, aber sie ist vor allem auch Raum der Emotionen, der Artikulation und Affektation unserer Sinne, Raum des Leiblichen und Symbolischen. Und deshalb ist die Frage sinnvoll und kommt uns wieder näher, wie das, worin wir intellektuell und politisch, also in gewisser Weise abstrakt übereinstimmen oder übereinstimmen sollten, emotional und symbolisch und leiblich als Bindekraft wirksam werden kann und wirksam wird.

Eine Antwort darauf führt zunächst zu einem nur vordergründig konservativen Stichwort: Es geht um den kulturellen Kanon unserer Gesellschaft. Was muss an Bildung, an kulturellem Wissen, an geschichtlicher Erinnerung mindestens vorhanden sein, damit überhaupt so etwas wie Verständigungsprozesse in einer insgesamt höchst widersprüchlichen Gesellschaft möglich sind?

Um sich zu verstehen – triviale Bemerkung – muss man eine gemeinsame Sprache beherrschen. Das heißt aber nicht nur, über deren Worte verfügen, sondern auch deren Bedeutung beherrschen. Und diese Bedeutungen sind nicht gänzlich ohne Geschichte zu haben. Die Frage also, was aus Geschichte und kultureller Herkunft wichtig ist für gegenwärtige Verständigungsmöglichkeiten, sie stellt sich wahrscheinlich immer wieder neu.

Der Zusammenhalt einer widersprüchlichen, pluralistischen Gesellschaft gelingt nur, wenn sie auch eine Erinnerungsgemeinschaft ist, sich um die Vergangenheit bemüht. Da sollten wir wissen, denn es begründet auch unsere Arbeit für das Lebendighalten "des Alten".

Vor einiger Zeit hat der wunderbare holländische Autor Cees Nooteboom in einem Beitrag der Wochenzeitung ″Die Zeit″ auf diesen Zusammenhang aufmerksam gemacht. Was nütze das Gerede vom Dialog der Kulturen, fragt Nooteboom, wenn wir im Zuge der Globalisierung die eigene Kultur, sprich: die Geschichten und Bilder, die unser kulturelles Wissen, unsere Weltsicht, unser Verhalten, unsere Emotionalität geprägt haben, verlieren? Was geschieht, "wenn eine Kultur sich langsam, aber gründlich ihrer Wurzeln entfremdet"? Ich zitiere weiter wörtlich: "Zur selben Zeit, da wir unsere eigenen Bilder verlieren, weil wir die Geschichten, aus denen sie hervorgegangen sind, nicht mehr kennen, werden wir durch die Globalisierung mit dem überschwemmt, was der Kommerz sich für uns ausgedacht hat und gleichzeitig, um die Verwirrung komplett zu machen, mit den Bildern und Symbolen der anderen."
"Wir haben in den letzten 50 Jahren eine ganze Reihe anderer Welten hinzubekommen, während wir gleichzeitig im Begriff sind, unsere eigene Welt langsam zu verlieren." Und dann fragt Nooteboom, ich zitiere nochmals: "Wenn eine Kultur sich langsam, aber gründlich ihrer Wurzeln entfremdet, was geschieht dann?"

Nun, meine Damen und Herren, man muss gewiss nicht so elegisch gestimmt sein. Aber Cees Nooteboom stellt doch eine bedrängende Frage. Es ist, vermute ich, genau diese Frage, die Sie motiviert, die Sie zum Engagement für Alte Kirchen führt.

Dieses Engagement widerspricht der sich naheliegender Weise einstellenden Resignation – angesichts schrumpfender Dörfer und schwindender Gemeinden! Es wird erbracht von Menschen, die ihre eigene Welt eben nicht verloren geben, die sie zu erhalten, wiederzugewinnen, neu zu verlebendigen versuchen!

Die eine Erbschaft nicht ausschlagen, sondern annehmen, sie öffnen und verständlich zu machen versuchen: Kirchen als ein Erbe aus vergangenen Jahrhunderten, einst im Zentrum des dörflichen (oder auch städtischen) Lebens, jetzt eher am Rande, für viele fremd geworden. Die Sprache eines Kirchenraumes, von Altar und Kanzel und Taufbecken und Kreuzweg ist vielen unverständlich geworden.

Und doch gibt es ein (neues) Interesse, so meine ich, eine vielleicht zunächst diffuse Neugier auf dieses Alte, was da unübersehbar herumsteht, auf etwas Fremdes, was doch sichtbar das Bild des Dorfes (oder der kleinen Stadt) prägt.

Als historische Zeugnisse und als Kunstwerke ermöglichen die alten Kirchen den Zugang zu einem Text, einer Botschaft, die vielen fremd geworden oder unbekannt ist – weil dieser Text, diese Botschaft ein Angebot machen, wenn es gut geht, für Herkunftsneugier und Beheimatungssehnsüchte, für Entschleunigungs- und Vergewisserungsbedürfnisse und deren Befriedigung.

Wie kann das gelingen? Wie kann diese Vergangenheit, diese Erbschaft Zukunft haben?

Im Konkreten wissen Sie das, meine Damen und Herren (die sich um die alten Kirchen so engagiert und ausdauernd kümmern) viel besser als ich.

Trotzdem erlaube ich mir ein paar Bemerkungen.

Dem Heft "Offene Kirchen 2012" habe ich folgende Zahlen entnommen:
Auf der Denkmalliste des Landes Brandenburg (vom Jahr 2005) stehen:

1.365 Dorfkirchen
235 weitere Kirchen (vorwiegend Stadtkirchen bzw. Kirchen nicht-evangelischer Konfession)
22 Klosterkirchen
19 Hospitalkapellen
34 Friedhofskapellen
1 Synagoge.

Welch‘ reiche Erbschaft! Welche Last auch, so mögen andere angstvoll sagen.

Wie soll man die alle erhalten, pflegen, offen und lebendig halten? Angesichts von immer weniger Gläubigen, immer weniger Gottesdienstbesuchern, immer weniger Kirchensteuerzahlern? Eine verständliche Sorge. Und Nüchternheit ist wahrlich auch angemessen, ja. Aber nicht angsterfüllte Resignation.

In einem der früheren Hefte von ″Offene Kirchen″ las ich im Beitrag eines ehemaligen Arbeitskollegen von mir, der sich für den Erhalt seiner Dorfkirche sehr engagiert hat (und von dem ich weiß, dass er keiner Kirche angehört) folgendes: "Nützlich kann vielleicht die Umkehrung der Argumentationskette sein. Wir sollten nicht fragen: Was machen wir mit einer Kirche, die niemand mehr besucht? Die Existenz eines bedeutenden Baudenkmals, eines letzten verbliebenen öffentlichen Raumes sollte vielmehr als Chance begriffen werden. Hier kann ein Ort entstehen, für den sich Christen und Nichtchristen zusammen engagieren, ein Ort, der wegen seiner besonderen Qualitäten Gemeinschaft ermöglicht …" so Dieter Kliche.

Das schrieb er aus der Erfahrung seines Engagements (als Berliner) für seine Dorfkirche:
"Als wir, einige Teetzer und Berliner, dem Verfall der aus der Mitte des 19.Jahrunderts stammenden Kirche nicht mehr tatenlos zusehen wollten, gründeten wir unter der Obhut des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg den Förderverein Dorfkirche Teetz e.V. und schrieben in unsere Satzung als zentrales Vereinsziel: Unterstützung der evangelischen Kirchengemeinde bei der Sanierung und dauernden Erhaltung der Kirche in Teetz. Es kam uns von Anfang an darauf an, das Kirchengebäude als Gotteshaus zu erhalten, in dem vor allem wieder Gottesdienst, Trauungen, Taufen und Trauerfeiern stattfinden, das sich aber auch öffnet für andere, im weitesten Sinne kulturelle Zwecke und als Ort des ländlichen Gemeinwesens. In der Gemeinschaft von Förderverein und Kirchengemeinde, im Zusammenspiel von Christen und Bürgern, in Verbindung des Engagements für ein Gotteshaus und ein Baudenkmal – in dieser doppelten Bezogenheit wollten wir unser Engagement verstanden wissen. Nach anfänglichem Widerstand der evangelischen Kirchengemeinde, die den Kirchenbau aufgegeben hatte und dafür auch sicher gute Gründe (schrumpfende Kirchengemeinde, finanzielle Ressourcen, Zustand der Kirche etc.) vorbringen konnte, erfolgte Schritt für Schritt die Rückeroberung des imposanten Backsteinbaus aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Jeder der zurückgelegten Schritte war nicht nur ein Fortschritt bei der Sanierung, sondern bildete neuen Gemeinsinn."

Wenn es also gut geht, schafft die denkmalpflegerische Fürsorge einer Dorfgemeinschaft für ihr Kirchengebäude eine emotionale Beziehung, eine neue Vertrautheit mit dem Kirchengebäude.

Mit Bernd Janowski sei’s gesagt: "Kirchen sind keine Museen!" Deshalb bleibt es und muss es bei der ersten Verantwortung der Kirche, der Kirchengemeinden für die alten Kirchen bleiben!

Sie kennen gewiss das ″Maulbronner Mandat″ mit seinen Forderungen, formuliert auf dem Evangelischen Kirchbautag 2005:

Kirchengebäude zu erhalten und/oder neu zu eröffnen heißt, Zeichen der Hoffnung zu setzen, die die Gegenwart überdauern. Diese Überzeugung sollte selbstverständlich sein für die Kirche, für die Gläubigen.

Sie sollten ernstnehmen, was Bischof Markus Dröge meint: "Auf jeden Fall plädiere ich dafür, zeitweise nicht benötigte Kirchen wenigstens in ihrem Baubestand zu sichern. Eine nächste Generation sollte die Chance haben, sie wieder mit Leben zu füllen." – Das ist das Mindeste (meine ich).

Eine alte Dorfkirche mit ihrem Turm ist nicht nur ein Wahrzeichen – im optischen Sinne und also tourismusfähig, immerhin. Sie ist mehr: Unübersehbar, ein erratischer ″Block″ gewissermaßen, aus einer anderen Zeit kommend, auf eine andere Welt weisend, ist sie zugleich das Zeichen einer menschenverträglichen Ungleichzeitigkeit. Das kann es auch und gerade in einer säkularen Lebenswelt sein, weil es – fremd geworden – neu sprechen kann – und verstanden wird, wenn es Dolmetscher gibt.
Ich zitiere Petra Bahr, die Kulturbeauftragte der EKD:
"Schon durch ihre bloße Existenz sind Kirchengebäude Kulturvermittler. Kirchen sprechen nicht erst, wenn man in sie hineingeht, sondern sind mit ihrem Turm und ihrer Silhouette Markierungen dafür, dass hier etwas Anderes ist. Offene Kirchen wiederum sind symbolische Angebote, diesen anderen Ort auch zu betreten. Die Stille an einem fremden Ort – der Altar, die Kirchenbänke, die Orgel. Das alles sind sprechende Zeichen, die nicht nur kulturhistorisch bedeutsam sind, sondern auch für Menschen bedeutsam werden können."

Im Text eines niedersächsischen Superintendenten (Heinz Behrends) habe ich den starken Satz gefunden: "Die Kirche kann in unserer westlichen Kultur auf alle ihre Gebäude verzichten, nur nicht auf die Sprache der Kirchengebäude und –räume." Recht hat der Mann.

Und ich zitiere noch einmal Petra Bahr: "Wir Protestanten haben lange unterschätzt, dass in Räumen festsitzt, was in ihnen gelebt, gebetet, gesungen wurde… Es gibt so etwas wie ein Gedächtnis der Mauern. Damit sind diese Steine keineswegs heilig, aber sie spiegeln doch etwas von der Atmosphäre derer, die hier im Namen Gottes zusammenkommen."

Wenn ich’s etwas locker sagen kann: Das protestantische Verhältnis zu ihren Kirchen sollte oder könnte durchaus etwas katholischer werden! (Das wäre auch im ökumenischen Sinne sinnvoll.)

Hierher gehört ein Wort zur Kirchenpädagogik, die ja (wenn ich es richtig beobachte, d. h. von meiner lieben Frau weiß) blüht und gedeiht.

Welche Bedeutung die Gestalt einer Kirche hat, die Aussage der Altäre und Bilder, die Sprache der Kanzeln, Taufbecken und –Engel, Bänke und Fenster zu verstehen, das alles kann und muss man neu lernen – die Kirchgemeindemitglieder zuerst und dann auch die Dorf- bzw. Stadt-Bürger und die Gäste und Touristen. Da ist viel Wissen verlorengegangen und wiederzugewinnen!
Und zum Glück gilt auch nicht mehr das alte Vorurteil: Evangelische Kirchen sind geschlossene Kirchen. Der Aktion Offene Kirchen sei Dank!

Sie kennen den Slogan: "Die Kirche bleibt im Dorf, wenn das Dorf in der Kirche bleibt." Das heißt nichts anderes als: Die Mitverantwortung der Ortsbürger für die Kirche muss sichtbar sein, muss möglich sein, mehr noch: sie ist geradezu existenziell notwendig.

Nun haben sich in den vergangenen 20 Jahren in vielen Orten Vereine gebildet, die sich für die Instandsetzung ihrer Kirche einsetzen, die sich ehrenamtlich dafür engagieren, dass die Kirche im Dorf bleibt. Nicht selten sind diese Vereine die einzigen soziokulturellen Akteure der Gemeinde. Nicht selten auch ist das eine Mischung aus Alteingesessenen und Neubürger / Wochenendbürgern / also Berlinern: Soziale Gemeinschaftsbildung durch Engagement für eine Kirche!

Das Ziel ist dabei immer – und das halte ich für wichtig: Die Kirche zuerst und vor allem als Gottesdienstraum zu erhalten oder wiederzugewinnen und sie dann auch und danach für kulturelle Zwecke zu nutzen, als Konzert- und Veranstaltungsraum, als Bildungsort, als Ort schließlich für Feste und Feiern der Dorfgemeinschaft.

Das ist – Sie wissen das besser als ich – oft mühsam; man eilt nicht von Erfolg zu Erfolg; man muss gegen Resignation, Desinteresse, Geldmangel ankämpfen. Und man muss erfinderisch sein.

Der Vorsitzende des Fördervereins "Dorfkirche Altkünkendorf e.V.″ Hans Jürgen Bewer hat mir mit Blick auf meinen heuteigen Vortrag einen Brief geschrieben.
Ich zitiere daraus:
"Unsere Kirche war einsturzgefährdet in den Neunziger Jahren gesperrt. Es gründete sich der Förderverein, der auf vertraglich mit der Evang. Kirchgemeinde Angermünde abgesicherter Basis Fördergelder organisierte, so dass die Kirche im Juni 2001 durch den damaligen Landesbischof Dr. Huber wieder geweiht werden konnte. Seitdem "betreiben" wir die Kirche, organisieren Gottesdienste/Andachten und kulturelle Veranstaltungen. Mit einer größeren Spendenaktion konnte auch die Orgel wieder aufgebaut werden. Konfessionell gebundene Altkünkendorfer gibt es nur noch 3, Pfarrer aktivieren wir auch aus dem Ruhestand. Ich selbst bin nicht konfessionell gebunden.

Jetzt wollen wir unsere Kirche zur Themenkirche "Gottes Schöpfung bewahren" entwickeln. Auslöser dafür war die Anerkennung des Grumsiner Buchenwaldes als Teilgebiet des UNESCO Welterbetitels "Die Buchenurwälder der Karpaten und die alten Buchenwälder Deutschlands" im Jahre 2011. Dieser Buchenwald liegt direkt vor unserer Haustür in der Gemarkung Altkünkendorf. Direkt neben der Kirche wurde am 3.5.2013 der Infopunkt "Flora und Fauna des Buchenwaldes Grumsin" eingeweiht. Er entstand auf Grund der Initiative unseres Kultur- und Heimatvereins e.V. und wird ehrenamtlich von diesem per Vertrag mit der Stadt Angermünde betrieben. Auf Initiative beider Altkünkendorfer Vereine wird die Stadt Angermünde entsprechend einer vertraglichen Vereinbarung mit der Kirchgemeinde den Kirchturm für die touristische Nutzung als Aussichtsturm ausbauen. Übrigens sehe ich unser Motto für den Infopunkt "Naturbildung ist der beste Naturschutz" in bester Übereinstimmung mit dem Anspruch "Gottes Schöpfung bewahren" und die daraus erwachsende Verpflichtung eines gemeinsamen Wirkens."

Meine Damen und Herren,
ich bin überzeugt, dass Vergangenheit Zukunft hat, dass die alten Kirchen eine Chance haben, eine Chance sind.

Herkunftsneugier und Beheimatungsbedürfnis sind bei vielen Menschen vorhanden, wachsen gar. Ebenso das Interesse an Vergangenem, an Unvertrautem, an Fremdem.

Wenn wir es nutzen und immer neu das Angebot offener Kirchen machen, die Einladung nicht nur zum Besuch, sondern auch zur Beteiligung an ihrer Nutzung, ihrer Lebendigkeit aussprechen – ohne Scheu, ohne Ängste. Aber ohne zu vergessen, dass sie zuerst Gottesdiensträume waren und sind – dann sollte es gelingen.

Ich wünsche Ihnen allen und besonders dem Förderverein Alte Kirchen ein gutes Jahr 2014!

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