Die Arbeit des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg in einer ungewissen Zukunft

Ausblick von Dr. Uwe Otzen, Vorsitzender des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg auf der Festveranstaltung "20 Jahre Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg e.V." am 8. Mai 2010 in der Friedenskirche Potsdam-Sanssouci

Ich freue mich über die, so mir sagten: Lasset uns ins Haus des Herrn gehen!
Unsere Füße stehen in deinen Toren, Jerusalem.
Jerusalem ist gebauet, dass es eine Stadt sei, da man zusammen kommen soll,
Da die Stämme hinauf gehen, die Stämme des Herrn, wie geboten ist dem Volk Israel, zu danken dem Namen des Herrn.
Denn daselbst stehen die Stühle zum Gericht, die Stühle des Hauses David.
Wünschet Jerusalem Glück! Es möge wohlgehen denen, die Dich lieben!
Es möge Frieden sein in deinen Mauern und Glück in deinen Palästen!
Um meiner Brüder und Freunde willen will ich die Frieden wünschen.
Um des Hauses willen des Herrn, unseres Gottes, will ich dein Bestes suchen.
Psalm 122

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

erlauben Sie mir nach all den engagierten Grußworten nun einen Ausblick, einen Blick in eine wie wir alle feststellen müssen doch eher unsichere Zukunft. Diese wird, was unseren Auftrag betrifft, von mindestens drei großen Veränderungen und Zeitströmungen begleitet sein:

1. dem demographischen Wandel mit seinen weitreichenden Folgen für eine sich neu zurechtfindende Gesellschaft,

2. dem mutigen Aufbruch und Strukturwandel der verfassten Kirche ins 21. Jahrhundert und

3. der unvermeidlichen Suche nach tragenden Werten in den Turbulenzen einer entfesselten wirtschaftlichen und sozio-kulturellen Globalisierung.

Dem demographischen Wandel wird mit einer, der Generationenentwicklung angepassten, einschneidenden Verteilung der sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen, und somit auch der denkmalpflegerischen Lasten, begegnet werden müssen. Dies wird sowohl innerhalb bestehender Gesellschaftsstrukturen als auch zwischen den Generationen geschehen müssen.

Dem Aufbruch der Kirche wird gegenwärtig, ebenfalls nicht ohne schmerzliche Begleiterscheinungen, mit einem langwierigen Reformprozess begegnet. Dessen Zielsetzung ist es, dass (Zitat: Bischof Huber in Kirche der Freiheit im 21. Jahrhundert) "alle äußeren Gestaltungen und Umgestaltungen von der geistlichen Kraft der biblischen Botschaft ausgehen und darauf hinwirken müssen".

Den Turbulenzen der Globalisierung wird unserer Gesellschaft, unter anderem, auch mit einer Werteorientierung begegnen müssen, bei der die jüdisch-christlichen Wertsetzungen ganz selbstverständlich eine herausragende Rolle spielen werden.

Unter diesen Auspizien ist es selbst für einen regional begrenzt wirkenden Förderkreis, der sich dem Bewahren eines regionalen Kulturerbes verschrieben hat, geboten, sich zu positionieren.

Er sollte die Zeitströmungen so gut es geht erfassen und in seine Förderüberlegungen mit einbeziehen, wenn er denn gehört werden will. Dazu wird es vonnöten sein, sich auch seiner Stärken zu vergewissern, um dann mutige Schritte für die Zukunft zu entwerfen.

Diese Stärken sind nach allgemeinem Dafürhalten: (1) die direkte finanzielle und beratende Unterstützung denkmalpflegerischer Maßnahmen, also unser eigentliches "Kerngeschäft", (2) die Stärkung des bürgerschaftlichen Engagements und seine Einbindung in den gesamtgesellschaftlichen Kontext, und (3) die Förderung einer unausweichlich gewordenen Nutzungserweiterung kirchlicher Gebäude durch Kunst- und Kulturveranstaltungen, allen voran durch die Musik.

In diesen drei Aufgabenfeldern konnte inzwischen ein hohes Maß an Profession und Vereinsroutine erreicht werden, man denke nur an die Programme Musikschulen öffnen Kirchen, Theater in Kirchen oder Kunst und Kultur in Brandenburgischen Dorfkirchen. Kopfzerbrechen hingegen bereitet uns die Akquisition von Fördermitteln und die zuwider laufenden Rahmenbedingungen für eine tragfähige und nachhaltige Nutzungserweiterung kirchlicher Gebäude. Diese leiten sich aus der prekären sozialen, wirtschaftlichen und demographischen Entwicklung in Teilen des ländlichen Brandenburgs ab. Sie berührt auch unsere Arbeit ganz zentral. Sie ist u.a. gekennzeichnet durch (a) anhaltenden Bevölkerungsrückgang, (b) schrumpfende periphere Wirtschaftsräume und (c) begrenzte kirchliche und öffentliche Finanz- und Personalressourcen.

Unter diesen Bedingungen wird es in vielen Kommunen und Gemeinden immer schwieriger, (a) genügend verantwortungsbewusste Menschen zu finden, (b) die notwendigen Finanzmittel aufzubringen und (c) selbst die kreativste Nutzungserweiterung für die Erhaltung der denkmalgeschützten Bausubstanz zu begründen.

Von daher wird es unausweichlich sein, auf regionaler und überregionaler Ebene eine Verantwortungsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit ins Leben zu rufen. Ihr soziales Netz muss so weit gespannt sein, dass sich möglichst viele gesellschaftliche Gruppen für die Erhaltung der Kirchendenkmäler verantwortlich fühlen. Das bedeutet, dass die gegenseitige Verantwortung nicht bei der Landeskirche und ihren Gemeinden, den lokalen Fördervereinen, der Landesdenkmalpflege, den Kommunen sowie der zuständigen Landesministerien und ihrer -ämter enden darf. Neue Bürgerkreise, engagierte Mäzene, die Privatwirtschaft, überregionale Patenschaften und vitale Netzwerke von Kulturträgern sollten hinzugewonnen werden.

Dies wird ein mühsames und langwieriges Unterfangen sein. Es verlangt beharrliches Aufeinander-Zugehen, Überzeugungsarbeit, konzeptionelles Einbinden in die gesamte Landesentwicklung und weiterhin einen engagierten Bürgersinn.

Erste Schritte in diese Richtung sind bereits mit unseren Kulturprogrammen erfolgreich begangen worden. Neue Schritte werden vorbereitet. Sie sollen darauf abzielen, neue Bevölkerungskreise für unser Anliegen zu sensibilisieren. Wir möchten sie als potentielle Förderer und Multiplikatoren gewinnen, um die Dorfkirchen im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Bewusstseins und des sozialen Lebens auf Dauer zu verankern.

Dabei erhoffen wir, dass z.B. (a) die allgegenwärtige lesbare Geschichte einer Kirche ihren identitätsstiftenden Ausdruck findet, (b) die ikonographische Prägekraft ihrer Kunstschätze immer wieder entziffert wird und (c) die bis heute währende Bedeutung liturgischer Räume wieder neu entdeckt und zugleich auf vielfältige Weise genutzt wird. Und alles dies sollte besonders von der jüngeren Generation wahrgenommen werden.

Kulturelle, wirtschaftliche und soziale Entwicklungen sind im heutigen Selbstverständnis partizipativer Gemeinwesen nicht mehr voneinander zu trennen. Das wird zur Folge haben, dass wir auch unsere Dorfkirchen in größeren Zusammenhängen sehen müssen. Vor unserem geistigen Auge, unseren kunstbegabten Sinnen, unserem ästhetischem Empfinden und unserem wirtschaftliche Kalkül tut sich damit ein überaus weites und facettenreiches Feld für alle brandenburgischen Kirchen auf. Ihnen muss mehr und mehr eine gesamtgesellschaftliche Bedeutung zukommen, für unser Selbstverständnis, zum Wohle der Landeskultur und nicht zuletzt als reiches Betätigungsfeld für handwerkliche sowie Restaurationsbetriebe.

Solange es noch Menschen gibt, die ihre Kirche im Dorf nicht loslassen und verfallen lassen möchten, was immer sich an wunderbaren Eigenschaften dahinter verbirgt, solange können und wollen auch wir im Verbund mit ihnen das Bewahren unterstützen. Nur gemeinsam mit Kirche, Landesdenkmalpflege, Landesregierung, den europäischen Initiativen und Lobbygruppierungen wie z.B. Europa Nostra, den Kommunen und der organisierten Zivilgesellschaft haben wir es bisher vermocht und werden wir es schaffen, Kirche um Kirche zu bewahren. Dies wird i.d.R. nur mit breit angelegten und komplexen Ko-Finanzierungen möglich sein, zu der auch ein angemessen ausgestatteter Denkmalfonds gehört.

Vor uns liegt also noch eine lange Wegstrecke. Vermutlich wird es mit den Dorfkirchen so sein, wie mit unserer Mutterkirche, dem Brandenburger Dom: Immer werden Menschen an ihm werken und bewahren; immer werden finanzielle und ideelle Opfer für seinen Erhalt zu erbringen sein; immer werden aber auch Stolz und Freude aus der Nutzung eines erhaltenen Bauwerks auf uns zurück kommen.

Dass wir bei der Nutzung über den eigentlichen Auftrag der Kirche hinaus nach angemessenen Wegen suchen müssen, ist das Gebot der Stunde. Darüber denken die Kirche, die Landesdenkmalpflege und die übrige Fachwelt hierzulande seit längerem nach. Wir haben auf diesem Weg bereits viele bereichernde und ermutigende Erfahrungen mit unseren Kunst- und Kulturprojekten gemacht und konnten diese Erfahrungen auch schon weitergeben.

Dies ist z.B. bei der Resolution der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Stiftung Denkmalschutz anlässlich der Tagung von Mühlhausen im April 2009 geschehen: Darin heißt es: "Wir stehen erst am Anfang eines gesamtgesellschaftlichen Anpassungsprozesses an eine vom demographischen Wandel geprägte Gesellschaft. Er muss durch umsichtige Mediationsformen zwischen allen Beteiligten (Kirche, Gemeinden, Nutzern, Architekten, Denkmalpflegern etc.) sinnvoll strukturiert und gelenkt werden. Das Ziel ist die Bildung einer Verantwortungsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit zur Erhaltung des kulturellen Erbes".

Was wir allerdings, ja, nicht einmal Regierungen aufhalten konnten, ist der wirtschaftlich begründete Wegzug der Menschen, ist die demographische Ausdünnung unseres Landes an seinen Peripherien, ist die fortschreitende Säkularisierung unserer geistlichen Kultur. Hier hat die Zeit bereits ihre tiefen Spuren hinterlassen, schmerzliche und wohl auch bleibende.

Wenn wir es aber schaffen, diese Spuren mit den Denkmalen am Weg zu belassen, die heute noch stehen, dann werden sich nachfolgende Generationen unserer sicherlich dankbar erinnern. Denn selbst eine gesicherte Ruine inmitten einer Viehwiede kann mehr von früher erzählen als alle noch so wertvollen Bildbände.

Welchen Ansporn brauchen Menschen nun aber, Menschen innerhalb und außerhalb unseres Wirkungsfeldes, innerhalb und außerhalb einer Kulturregion wie Brandenburg, um sich für den Erhalt der Kirchen einzusetzen? Dies bleibt doch wohl eine der zentralen Fragen. Über sie müssen wir noch intensiver nachdenken, hier müssen wir neue Wege beschreiten dürfen. Hierfür brauchen wir Leitgedanken.

Einen solchen Leitgedanken möchte ich abschließend nennen. Ich entlehne ihn dem in meiner Begrüßung zitierten 122 Psalm. Er kündet doch offensichtlich von zwei unabdingbaren Voraussetzungen für jedwedes menschliches Bemühungen um das Bewahren von Kulturgütern: (a) einem breiten gesellschaftlichen Konsens und (b) einer die jeweilige Kultur tragenden geistlichen Kraft.

Der Psalm hat mich immer wieder zum Nachdenken angeregt. Zugleich erfüllt er mich jedesmal wieder mit Hochachtung vor dem Schaffen derer, die zum Erhalt unserer Kirchen über die Jahrhunderte beigetragen haben, auch über entbehrungsreiche Zeiten hinweg. Was war also der nervus rerum des Bewahrens?

Der Vers wurde vom Psalmisten vor mehr als 2500 Jahren niedergeschrieben und hat doch bis auf den Tag nichts von seiner Gültigkeit verloren. David verkündet sein politisches Programm für das Gemeinwesen Jerusalem mit Worten, die über die geschichtliche Welt hinaus reichen und sich am Tempel fest machen. Er sagt: "Ich will dein Bestes, Jerusalem, suchen, um des Hauses des Herrn willen!"

Hier geht es doch offensichtlich darum, dass ein mächtiger, politisch begabter und zugleich kulturvoller Mensch, der das Beste für sein weltliches Gemeinwesen anstrebt, dies um eines geistlichen Ortes willen tut. Ja, das ist seine unmissverständliche Botschaft: Konzentriere alle deine Bemühungen auf einen herausgehobenen kulturellen wie kultischen Gegenstand, um auf diese Weise gleichzeitig der gemeinnützigen Sache deines Landes zu dienen. Hier geht es also um die Verbindung aus (a) der Wertschätzung sakraler Räume samt ihrer Riten, (b) der kulturellen Verpflichtung gegenüber der Bevölkerung und (c) der Pflege des Gemeinwohls einer ganzen Stadt. David wusste also, dass nur aus dieser Dreier-Verbindung sein königliches Werk Bestand haben kann.

Ins Hier und Heute übertragen würden wir nun sagen: Lasst uns die Kirchengebäude in den ländlichen Gemeinwesen erhalten, um, mit Davids Worten zu sprechen, in ihnen auf vielfältige Weise "zusammenkommen zu können". Denn immer schon waren die Kirchen auch Orte menschlicher Zusammenkunft.

Und wenn wir nun diesen Aufruf noch weiter fassen, können wir sagen: "Um der schönen Kirchen im Lande willen lasst uns als Verantwortungsgemeinschaft Berlin-Brandenburgs Bestes suchen."

In diesem Sinne, nämlich einer Verbindung aus a) dem Respekt vor überkommener Sakralität, b) dem Streben nach lebensvoller Urbanität oder Dorfgemeinschaft und c) der Verpflichtung für Kultur- und Denkmalpflege, in diesem Sinne lasst uns freudig auf die nächsten 20 Jahre blicken!

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