Die Zukunft unserer Dorfkirchen in einer schrumpfenden Gesellschaft

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kollegen,

für die Möglichkeit, heute und hier über "Die Zukunft unserer Dorfkirchen in einer schrumpfenden Gesellschaft" sprechen zu dürfen, möchte ich mich herzlich bedanken und bereits am Anfang meines Vortrags betonen, dass ich zu diesem Thema mehr Fragen als Antworten zu bieten habe. Da ich hier ausschließlich zu Fachkollegen spreche, die mit diesem Thema jeden Tag konfrontiert werden, werde ich weitgehend auf Zweckoptimismus verzichten.

In meinem Beitrag möchte ich den Versuch unternehmen, das Problem des Umgangs mit unseren Kirchen von zwei Seiten aus zu beleuchten: zum einen aus der Sicht der Kirchengemeinden als Eigentümer und Nutzer der Gebäude und zum anderen aus Sicht der Denkmalpflege, die sich ihrer Bewahrung und Erhaltung verpflichtet fühlt.

Für das Verhältnis zwischen Kirche und Denkmalpflege waren zwei Prozesse von wesentlicher Bedeutung, die sich im 19. Jahrhundert abspielten.

Erstens wurde, letztlich als Ergebnis der Französischen Revolution, die Trennung von Politik und Kirche vollzogen. Religion wurde mehr und mehr zur Privatsache. Dies hatte die ausschließliche Sakralisierung der Kirchengebäude zur Folge, die von nun an als reine Gottesdiensträume verstanden wurden, nachdem sie zuvor auch zahlreichen weltlichen Nutzungen offen gestanden hatten.

Zweitens entstand im 19. Jahrhundert die institutionelle Denkmalpflege. Von nun an wurden Kirchen nicht mehr ausschließlich als religiöse Zweckbauten betrachtet, sondern zusätzlich als "vaterländische Alterthümer", mit heutigen Worten würden wir vielleicht den Begriff "kulturelles Erbe" wählen. Kirchen wurden als gebaute Träger der Geschichte wahrgenommen und damit quasi per Deklaration zu "Kulturorten" ernannt. Mit dieser doppelten Funktion Verkündigungsort auf der einen, staatlich verordnetes Denkmal auf der anderen Seite müssen die Kirchen seither leben. Dass diese Dualität auch zu Konflikten führen kann, liegt auf der Hand.

Doch zum Thema:

Nach einer im Juni dieses Jahres veröffentlichten Statistik verliert der Landkreis Uckermark bei etwa gleichbleibender Tendenz seit 1990 jährlich etwa 2.000 Einwohner. Gab es Ende der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts noch etwa 174.000 Uckermärker im bis vor kurzem größten Landkreis Deutschlands, so sind es gegenwärtig noch knapp 130.000. Bis zum Jahr 2030 wird ein Rückgang auf circa 98.000 Einwohner prognostiziert. 2.000 Einwohner weniger pro Jahr. Rein statistisch gesehen bedeutet dies, dass Jahr für Jahr etwa zehn Dörfer von der Größe des Ortes Melzow, in dem ich seit etlichen Jahren wohne, dicht gemacht werden könnten. Und da in der Regel jedes uckermärkische Dorf über ein Kirchengebäude verfügt hieße das wiederum rein statistisch gesehen dass jedes Jahr zehn dieser zum größten Teil aus dem Mittelalter stammenden, denkmalgeschützten Kirchen überflüssig werden und zur Disposition stehen.

Nun ist solch eine Gedankenspielerei natürlich nur bedingt ernst zu nehmen. Sie soll jedoch eine Fragestellung verdeutlichen, vor der Kirche und Denkmalpflege gleichermaßen stehen, und zwar nicht nur im Landkreis Uckermark, sondern vielleicht vom sogenannten Speckgürtel rund um die Hauptstadt Berlin abgesehen landesweit: In absehbarer Zeit wird unser Hauptproblem nicht mehr sein, dass uns in großem Umfang Kirchengebäude wegen gravierender Bauschäden einzustürzen drohen, sondern die Frage: Wer geht in diese Kirchen überhaupt noch rein? Der Theologe Friedrich Schorlemmer bringt die Situation nach zwanzig Jahren erfolgreicher kirchlicher Denkmalpflege lakonisch auf den Punkt, wenn er schreibt: "Kirchen sind außen sehr schön. Aber innen ziemlich leer."

Nun könnte an dieser Stelle der Einwand kommen, nicht oder nur wenig genutzte Kirchengebäude wären ein Problem der Institution Kirche, nicht jedoch der Denkmalpflege. Es ist jedoch eine Binsenweisheit, dass die langfristige Erhaltung ungenutzter Bauten schwieriger und kostenintensiver ist als die genutzter und regelmäßig gewarteter Bauten. Das ist bei Kirchen nicht anders als bei Gutshäusern, Industriedenkmalen oder schlichten Wohngebäuden.

In Bezug auf den gefühlten Überbestand an Kirchengebäuden deutschlandweit gab und gibt es seit einigen Jahren ein breites Angebot an Tagungen, Kongressen und Publikationen zum Thema "Kirchen-Umnutzungen". Die immer gleichen Beispiele werden vorgestellt, diskutiert und neu beleuchtet. Den Einbau der Stadtbibliothek in die Müncheberger Marienkirche finden Fachleute gelungen, den Umbau der Leopoldsburger Kirche im havelländischen Milow zur Sparkasse eher nicht. In beiden Fällen schließe ich mich dem Votum der Spezialisten an. In Bezug jedoch auf die Zukunft unserer Dorfkirchen erbrachte die Umnutzungs-Debatte bisher keine brauchbaren Lösungsansätze, ja, selten auch nur ernstzunehmende Vorschläge. Abgesehen davon, dass der Umbau einer 800-jährigen Feldsteinkirche im Fläming zum Wochenendhaus für betuchte Berliner unter Berücksichtigung denkmalpflegerischer Aspekte nur schwer vorstellbar ist, wird immer wieder ernüchternd festgestellt, "dass viele kirchliche Immobilien nicht marktgängig sind und dementsprechend keine Nutzer finden, die bereit sind, den Verkehrswerten entsprechend, die Gebäude zu übernehmen". Zumindest auf dem Lande führt die Diskussion über die Umnutzung von Kirchen in den allermeisten Fällen in die Irre. Sollten wir bei den zumeist letzten verbliebenen öffentlichen Räumen im Ort nicht lieber über behutsame Nutzungserweiterungen nachdenken?

Hier ist in der Tat in den vergangenen Jahren etwas gewachsen, was sich sehen lassen kann. Veranstaltungsreihen wie "Theater in der Kirche"," Musikschulen öffnen Kirchen" beide mit initiiert vom Förderkreis Alte Kirchen sind zu fest etablierten Veranstaltungsreihen geworden, ebenso wie lokale und regionale Konzertreihen. Es gibt Ausstellungen, Lesungen, Vorträge in Kirchen und vieles mehr. Durch eine Förderung der Kulturstiftung des Bundes konnte der Förderkreis Alte Kirchen vor wenigen Jahren etwa 30 zum Teil erstaunlich kreative Projekte finanzieren und unterstützen. Dabei stellt die Öffnung von Kirchen für andere als gottesdienstliche und kirchengemeindliche Nutzungen für uns und für alle Beteiligten auch einen spannenden Lernprozess dar. In jedem Einzelfall ist zu klären, was sich mit der Würde eines sakralen Raumes verträgt. Eine Handreichung der Landeskirche "Häuser Gottes für den Menschen. Informationen zum lebendigen Umgang mit kirchlichen Gebäuden" bietet allen Beteiligten wichtige Ratschläge. Letztlich jedoch muss jede Gemeinde selbst die Entscheidung treffen, was in ihren Räumen möglich ist und was nicht.

Durch die angesprochenen Veranstaltungen wird in zahlreichen Dorfkirchen Brandenburgs, zumeist durch ehrenamtliches Engagement und ohne finanzielle Förderung der öffentlichen Hand, Kunst und Kultur in Regionen dargeboten, in denen sämtliche anderen Kultureinrichtungen der Kommunen und Landkreise bereits dem Rotstift zum Opfer gefallen sind. Zwei bis drei Konzerte oder andere Veranstaltungen pro Jahr reichen neben den zum Teil immer seltener stattfindenden Gottesdiensten völlig aus, um die Dorfkirche und damit oft auch die Problematik ihrer baulichen Instandsetzung oder Unterhaltung im Bewusstsein des Ortes wach zu halten. Wo dies nicht möglich ist, plädiere ich dafür, wenigstens einmal im Jahr, vielleicht anlässlich eines kirchlichen Feiertages einen Sprengel-Gottesdienst zusammen mit den Gemeindegliedern der Nachbarorte zu feiern, um zu zeigen, dass dieser Kirchenraum seine ursprüngliche Bestimmung behält in der Hoffnung auf vielleicht bessere Zeiten. Wenn dann noch darauf geachtet wird, dass das Dach dicht ist und das Gebäude regelmäßig und zu den richtigen Zeiten gelüftet wird, können wir uns in manchen Fällen auch etwas Geduld und Demut gönnen. Vor zehn Jahren wurde der Förderkreis Alte Kirchen dafür kritisiert, dass er die Notsicherung des Daches der Feldsteinkirche in Malchow mit relativ bescheidenen Mitteln initiierte und finanzierte, da diese Kirche "für die Verkündigung nicht mehr gebraucht" würde. Heute entsteht in Malchow mit Zuschüssen der Europäischen Union ein kirchenmusikalisches Zentrum für die Region.

Die Nutzung einer Kirche beginnt schon damit, sie für Besucher zu öffnen. Mit der Herausgabe des Jahresheftes "Offene Kirchen", das seit 2000 regelmäßig erscheint und das in der aktuellen Ausgabe etwa 900 Kirchen im Programmteil umfasst, hat der Förderkreis Alte Kirchen ein Medium geschaffen, dass den Kirchentourismus in Brandenburg wesentlich beflügelt hat. Auf der Jahrestagung der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in Schwerin im Jahr 2004 durfte ich unser Projekt "Offene Kirchen" vorstellen. Vor mir sprachen in der Sektion "Kirchen als touristische Zielpunkte" Vertreter unter anderem der Klosterinsel Reichenau, der Wieskirche und der Innenstadtkirchen von Lübeck. Grundtenor der Referate war, dass die immensen Besucherzahlen in konservatorischer Hinsicht negative Auswirkungen auf die Innenausstattung der Kirchengebäude haben und auf eine Reduzierung der Besucherzahlen hinzuwirken sei. Als ich dann über die brandenburgischen Dorfkirchen sprechen durfte, konnte ich berichten: So weit sind wir noch nicht, aber wir arbeiten daran!

Sicher wird der Dorfkirchen-Tourismus, entgegen mancher Antragsprosa für Fördermittel der Europäischen Union niemals ein nur halbwegs ernst zu nehmender Wirtschaftsfaktor werden. Doch durch die regelmäßige Öffnung von Kirchen für Besucher und Touristen wächst auch das Bewusstsein der Ortsbewohner für das Denkmal und seine Ausstattung. Zudem besteht durch die Öffnung der Kirchen auch die Möglichkeit, wertvolle Bildungsarbeit zu leisten. Eine weitgehende Säkularisierung der Gesellschaft, die oft bereits die zweite oder dritte Generation betrifft, bedeutet auch eine tiefe Unkenntnis über Geschichte und Symbolik christlichen Lebens. Ohne ein Minimum an Kenntnis der christlichen Symbole, Bräuche und Geschichte(n) ist jedoch kein vernünftiges Verhältnis zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unserer abendländischen Kultur möglich. Wie aber soll sich jemand für den Erhalt und die Bewahrung von Dingen einsetzen, von deren Wert (materiell und ideell) er nicht die geringste Ahnung hat?

Allerdings würde ich mir in manchen offenen Kirchen etwas mehr ästhetisches Empfinden für den Kirchenraum wünschen. Wenn beispielsweise die Winterkirche mit Gummibäumen, Plastikblumen, Blümchengardinen und Auslegeware zum kuscheligen Wohnzimmer gemacht wird und die Sakristei als Rumpelkammer fungiert, fällt es schwer, den Sakralraum als solchen wahrzunehmen. Wenn dann im Juni noch die Liedzettel vom Weihnachts-Gottesdient herumliegen, spricht das nicht für eine lebendige Gemeinde. Hier wünsche ich mir eine größere Sensibilität im Umgang mit dem historisch gewachsenen Raum und seinem Inventar.

Im Rahmen des heutigen Facharbeitsgespräches geht es wesentlich um die Ausstattung unserer Kirchen und ich freue mich auf die Referate des heutigen Nachmittags. Sie alle wissen, dass der Umgang mit dem Innenraum oftmals zu Konflikten zwischen Kirchengemeinden und Denkmalpflegern führt. Für welche der festgestellten historischen Farbfassungen entscheidet man sich auch im Hinblick auf die erhaltene Ausstattung? Wie geht man mit den zu DDR-Zeiten oft mit einfachsten Mitteln gebauten Winterkirchen um? Wo ist es möglich, Funktionsräume wie Teeküchen oder Toiletten in die Kirchen einzubauen und wo verbietet es die vorhandene Raumstruktur? Im Falle einer Entscheidung für den Einbau solcher Räume, wie gestaltet man sie? Ist es möglich, einen Teil des festen Gestühls zugunsten einer flexiblen Bestuhlung zu entfernen? Wie können neu gestaltete farbige Glasfenster oder moderne Kunst in historische Kirchenräume integriert werden, ohne zu stören? Diese Fragen und viele andere stellen sich immer wieder und erfordern für ihre Lösung oftmals viel Geduld und Fingerspitzengefühl. Und so möchte ich denn auch auf keine der gestellten Fragen eine Antwort versuchen, weil eine solche in der Regel nur nach gründlicher Prüfung und auf den jeweiligen konkreten Einzelfall bezogen zu finden ist.

Oftmals sind es die neuen kulturellen Nutzungen, die nach veränderten Raumstrukturen zu verlangen scheinen. Wenn ein Förderverein für die einmalige Aufführung einer Musiktheaterproduktion den seit 400 Jahren fest im Altarraum vermauerten Renaissance-Taufstein versetzen will, verbietet sich dies selbstverständlich. Wenn jedoch der aus rohen Brettern zusammengehauene leere Windkasten einer seit fünfzig Jahren nicht mehr existierenden Orgel die gesamte Empore blockiert, auf der Ausstellungen stattfinden sollen, darf über die Entfernung desselben durchaus diskutiert werden. Neben der bereits angesprochenen Sensibilität ist manchmal bei der Entscheidungsfindung auch ein gesunder Pragmatismus vonnöten.

Erfreut bin ich, dass seit einiger Zeit auch die zahlreichen historischen Orgeln verstärkt in das Interesse der Denkmalpflege getreten sind. Dass dies nicht immer so war, zeigt die Tatsache, dass selbst besonders wertvolle Instrumente der Barockzeit in einschlägigen Inventaren bis vor kurzem kaum Beachtung fanden. Noch im aktuellen Dehio aus dem Jahr 2000 steht unter dem Ortsnamen Felchow (Uckermark): "Orgelprospekt, 1745 von J. Wagner". Nur zur Information: Joachim Wagner war Orgelbauer und nicht Prospektschnitzer. Die sich neu etablierende Orgeldenkmalpflege birgt jedoch auch Konfliktstoff. Orgelbauer und Orgelsachverständige haben den Begriff der "Klangdenkmalpflege" geprägt. Diese Klangdenkmalpflege kann jedoch mit der ansonsten weithin etablierten Materialdenkmalpflege durchaus kollidieren. Wenn über Jahrhunderte hinweg verschiedene Orgelbauer ein Instrument immer wieder dem Zeitgeschmack angepasst, es repariert und umgebaut haben, kann die Frage, für welches historische Klangbild man sich bei einer anstehenden Restaurierung entscheidet, zu kontroversen Diskussionen führen. Auf das Referat von Frau Schaubs zur Joachim-Wagner in Wartin am heutigen Nachmittag bin ich sehr gespannt.

Am Beispiel der Orgeln möchte ich auch den Umgang mit dem Inventar nicht mehr genutzter Kirchen ansprechen. Vor etwa einem Jahr habe ich mich ebenfalls im Rahmen eines Facharbeitsgespräches recht vehement gegen die Schaffung eines Orgelmuseums bzw. Orgeldepots in der Uckermark ausgesprochen. Meiner Meinung nach sind die Instrumente am besten in den Räumen aufgehoben, für die sie klanglich konzipiert wurden. Voraussetzung dafür ist natürlich die Prüfung durch einen Orgelsachverständigen bzw. einen Orgelbauer, ob die vorhandene Substanz durch Bauschäden am Gebäude in ihrem Bestand gefährdet ist oder nicht. Um Geld für eine Notsicherung am Kirchendach zu bekommen, sollte vor etwa zehn Jahren die Orgel von Johann Simon Buchholz (1823) in Weselitz (UM) für 5.000 Euro an die Stiftung Stadtmuseum in Berlin verkauft werden. Der Förderkreis Alte Kirchen stellte der Gemeinde die Summe für die Dachsanierung zur Verfügung, unter der Voraussetzung, dass die Orgel vor Ort bleibt.

Wenn es wirklich nötig ist, sollte durchaus über eine Auslagerung von gefährdeten Instrumenten an einen trockenen und sicheren Platz nachgedacht werden. Nur sollte durch die Einrichtung eines Museums keiner Sammelleidenschaft eines Kantors gefrönt und den Gemeinden nicht suggeriert werden, hier könnten derzeit nicht benötigte Instrumente auf einfachem Wege "entsorgt" werden. Genau wie die übrigen Ausstattungsstücke sind Orgeln fester Bestandteil des Gesamtdenkmals Kirche. Vor wenigen Tagen konnte ich der Presse entnehmen, dass in Bad Belzig darüber nachgedacht wird, die dortige Marienkirche als Orgelmuseum zu nutzen. Über Einzelheiten ist mir bisher nichts bekannt.

Dieselben Überlegungen gelten auch für die gesamte übrige Ausstattung derzeit nicht genutzter Kirchen. Es muss in jedem Fall von neuem entschieden werden, was vor Ort gesichert und erhalten und was an einem sicheren Ort eingelagert wird. Voraussetzung für die langfristige Erhaltung vor allem des beweglichen Kunstgutes und der liturgischen Geräte ist in jedem Fall eine gründliche Erfassung und Inventarisierung. Zu diesem Thema haben wir heute bereits mehrere Referate gehört. Nachdem der Förderkreis Alte Kirchen bereits vor etlichen Jahren ein Pilotprojekt zu diesem Thema im Landkreis Uckermark initiiert und kofinanziert hatte, bieten wir bei dieser großen Aufgabe auch weiterhin unsere Unterstützung an. Vielleicht wäre es gut, einen Runden Tisch zu schaffen, der sich in regelmäßigen Abständen über dieses Thema austauscht.

Von der Ausstattung zurück zu den Kirchengebäuden selbst:

Es ist erstaunlich und erfreulich, dass trotz der angesprochenen demographischen und finanziellen Schwierigkeiten die Anzahl der endgültig aufgegebenen Kirchengebäude bisher äußerst gering ist. Mit Ausnahme der dem Braunkohlenabbau zum Opfer gefallenen Kirchen in Wolkenberg und Horno gab es keine Abbrüche. Abrissanträge für die Kirchen in Saaringen und Milow konnten Ende der neunziger Jahre erfolgreich abgewendet werden. Einige Dorfkirchen werden durch Übernahme des Eigentums oder über langfristige Pachtverträge durch Fördervereine genutzt, einige wenige an private Eigentümer verkauft. Noch ist es so, dass im wohlhabenderen Westteil Deutschland, in dem prozentual auch die Kirchenzugehörigkeit bedeutend höher ist, häufiger über die Aufgabe von Kirchen berichtet wird als in den neuen Bundesländern. Ob das auf die Dauer so bleiben wird, wage ich zu bezweifeln. Über eine gesamtgesellschaftliche Strategie für den Umgang mit aufgegebenen Kirchengebäuden sollte bereits jetzt nachgedacht werden, allerdings ohne in publizistischen Alarmismus zu verfallen.

Das Ziel, unsere Dorfkirchen möglichst flächendeckend zu erhalten, sollten wir nicht leichtfertig aufgeben. Ohne sie wäre nur nicht nur unsere Kulturlandschaft ärmer. Bei einer Aufgabe der Jahrhunderte alten steinernen Zeugnisse der Glaubens- und Lebensgeschichte bestünde für die Institution Kirche auch die Gefahr einer fortschreitenden Selbstsäkularisierung.

Angeregt durch die Landeskirche wurden in den Kirchenkreisen Gebäudebedarfspläne erarbeitet. Diese Planungen orientieren sich verständlicherweise nicht ausschließlich an denkmalpflegerischen Aspekten und stellen auch keine Kategorisierung von Denkmalen dar, die selbstverständlich abzulehnen wäre. Die Gebäudebedarfspläne sind notwendig und als langfristige Hilfsmittel zur Erhaltung des Baubestandes nicht nur der denkmalgeschützten Kirchen ausdrücklich zu begrüßen. Nur sollten diese Planungen nicht statisch sein. Wo es möglich ist, kurzfristig Fördermittel oder Zuwendungen von Stiftungen oder Privatpersonen in Anspruch nehmen zu können oder wo sich beispielsweise durch Zuzug die Gemeindestruktur ändert, sollten die Planungen flexibel gehandhabt werden. In den meisten Fällen ist dies ja auch möglich.

Zu wünschen wäre diese Flexibilität manchmal auch innerhalb von Kirchengemeinden und Kirchenkreisen. Nicht immer ist es einsehbar, dass teure Innenraumsanierungen so gewünscht sie aus denkmalpflegerischer Sicht auch sein mögen stattfinden, während es im Nachbarort durch das undichte Dach in den Kirchenraum hineinregnet. Mit etwas mehr innerkirchlicher Solidarität könnten in Einzelfällen einfache Notsicherungen vorgenommen werden, die größere Schäden verhindern. Überhaupt sollten wir angesichts knapper werdender Finanzmittel lernen, uns wieder mehr in Bescheidenheit zu üben. Teure Gutachten über Komplettsanierungen verstellen manchmal den Blick auf mögliche kleinteilige Reparaturen und können für überforderte Kirchengemeinden zum Totschlagargument werden.

Bisher habe ich in meinen Ausführungen noch nicht über Geld gesprochen. Das soll auch so bleiben, wenn ich es auch nicht vermeiden kann, das Fehlen eines Notsicherungs- bzw. Denkmalfonds im Land Brandenburg weiterhin schmerzlich zu beklagen. Sicher ist es auch in der Zukunft nötig, sich intensiv um die Einwerbung von Finanzmitteln zur Bewahrung unserer Kulturlandschaft zu bemühen. Manchmal jedoch verengt die ständige Diskussion über Geld den Blick. Wichtig sind in erster Linie, gerade im ländlichen Bereich, Menschen, die sich vor Ort für ihre Kirche engagieren. Auf dem kürzlich stattgefundenen Evangelischen Kirchbautag in Rostock hob der Magdeburger Altbischof Axel Noack hervor, dass es nur so lange gelingen kann, die Kirchenbauten zu erhalten, wie es Menschen gibt, die sie als "meine Kirche" bezeichnen. Denn: "Wo Kirchen verfallen, erodieren auch Dörfer, und mit den Dörfern geht die regionale Identität verloren."

Vor einigen Monaten erreichte den Förderkreis Alte Kirchen ein dramatischer Notruf aus einem Dorf im Norden Brandenburgs: Unsere Kirche ist in einem fürchterlichen Zustand, wir benötigen dringend Ihre Unterstützung! Der Dramatik dieses Hilfebegehrens eingedenk, wurde zu einem Ortstermin eine Vertreterin der Unteren Denkmalschutzbehörde des Landkreises hinzugezogen. Die ausführliche Besichtigung des Kirchengebäudes ergab keine gravierenden sichtbaren Bauschäden. Allerdings war der Kirchenraum vermutlich seit zwei Jahrzehnten nicht mehr gesäubert worden. Wir konnten lediglich erklären, dass für die Reinigung von Kirchenräumen weder der Förderkreis Alte Kirchen noch die Denkmalpflege zuständig sind und empfahlen, die Treppenöffnung von der Empore zum Kirchenboden zu schließen, um es dem Marder zu erschweren, seine Geschäfte weiter im Altarraum der Kirche zu verrichten.

Zum Glück sind derartige Erlebnisse die Ausnahme. Vielerorts gibt es engagierte Menschen, die sich in mittlerweile fast 280 Fördervereinen für ihre jeweilige Kirche im Dorf einsetzen. Für neu gegründete Initiativen schreibt der Förderkreis Alte Kirchen jährlich einen Förderpreis "Startkapital für Kirchen-Fördervereine" aus, bei dem sich Vereine um eine Anschubfinanzierung in Höhe von jeweils 2.500 Euro bewerben können. Bisher konnten wir allein auf diesem Wege 65 Vereine mit einer Gesamtsumme von 150.000 Euro in der Anfangsphase ihrer Arbeit unterstützen.

Es ist ein wirkliches Phänomen, dass etwa zwei Drittel der Mitglieder der lokalen Kirchbauvereine konfessionell nicht gebunden sind, sich aber engagiert dafür einsetzen, die Kirche im Dorf zu lassen. Von kirchlicher Seite werden diese Vereine in den allermeisten Fällen als willkommene Partner bei der Erhaltung, Instandsetzung und angemessenen Nutzung von Kirchengebäuden dankbar begrüßt. Vereinzelt bleiben jedoch Konflikte nicht aus. Und manchmal wird so ein Verein auch als Störfaktor empfunden, weil er die bereits angesprochenen, sorgfältig erarbeiteten Gebäudebedarfsplanungen in Frage stellt.

In der Regel sind Meinungsverschiedenheiten zwischen Kirchengemeinden und Kirchenkreisen auf der einen sowie Kirchbauvereinen auf der anderen Seite durch sachliche Gespräche lösbar. Der Förderkreis Alte Kirchen konnte in der Vergangenheit moderieren und erfolgreich vermitteln und bietet dies auch für die Zukunft an. Kirche und Denkmalpflege sollten die zahlreichen engagierten Helfer als riesige Chance betrachten. Ohne sie wären zahlreiche Erfolgsgeschichten der letzten zwanzig Jahre nicht möglich gewesen.

Ich komme zum Schluss:

Demographischer Wandel, Schrumpfungsprozesse, Globalisierung, Ende des Industriezeitalters und Wegfall traditioneller Strukturen in der Landwirtschaft es sind schon gewaltige Schlagworte, die von uns verarbeitet werden müssen und gewaltige Veränderungen, mit denen wir immer neu konfrontiert werden. Der alles beherrschende Neoliberalismus beschert uns ständig neue Krisen, deren Wirkungsmechanismen wir nicht mehr verstehen und deren Auswirkungen noch lange nicht absehbar sind.

Sollten wir in diesem Umfeld eines immer rasanteren Wandels nicht froh und stolz sein, dass es in nahezu jedem Dorf hierzulande ein Gebäude gibt, das sich den üblichen Rendite- und Nutzen-Forderungen entzieht? Kirchengebäude stehen für Heimat und Traditionsbewusstsein, aber auch für Entschleunigung und Orientierung. Der Berliner Architekturkritiker Wolfgang Kil wünscht sich für Denkmale heute sogar eine subversive Funktion "als Manifeste einer Verweigerung, mit der Großen Karawane blind in jede verheißene Zukunft zu ziehen."

Fast noch pointierter bringt es der Leiter des Amtes für Denkmalpflege im Rheinland, Prof. Udo Mainzer, auf den Punkt. Unter der Überschrift "Wer bestimmt die Zukunft unserer Kirchen?" formuliert er ein meines Erachtens wichtiges Ziel der heutigen Denkmalpflege: Der Rasanz der Veränderungen müssen wir die Gelassenheit der Bewahrung entgegenstemmen."

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